2018-11-22 9 Minuten

Deep Work

Wie ich die intensivste Zeit des Jahres überstehe.

Es ist November. Jeder, der auch nur irgendwo nahe der Werbebranche seine Brötchen verdient, weiß:

Shit hits the fan

Es ist die idyllische Zeit der absurden Deadlines, des das-Budget-muss-raus, des Black Friday. Genereller Wahnsinn also.

Bevor ich ein wenig lösungsorientierter werde, zuerst einmal ein Rant. Achtung: überspitzt formuliert.

Was is mit uns!?

Irgendwo in den letzten 20 Jahren hat die Business-Welt die falsche Abzweigung genommen. Irgendjemand hat es für eine gute Idee gehalten, eine Antwort auf eine E-Mail innerhalb von 10 Minuten zu erwarten.

Von diesem – entschuldigt den Ausdruck – Arschloch zehren wir noch heute. E-Mail als Instant Messaging. Nein Danke. Und dann natürlich die Nachfrage: “Hast du mein Mail eh bekommen?”.

Teilweise kommt mir die Business-Welt vor wie ein einziger Kindergarten. Voller Kinder, denen nie jemand gesagt hat:

“Nein, Marco, den Newsletter können wir nicht über Nacht programmieren. Und auf die Herdplatte solltest du auch nicht greifen. E-Mail ist ein asynchrones Medium. Das heißt, dass nicht in einer Minute eine Antwort kommen muss.”

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich am 23. Dezember um 17:30 einen Newsletter umprogrammiert habe, weil der ja unbedingt an Firmenkunden auch noch rausgehen muss. An Firmenkunden. Am 23. Dezember um 18 Uhr. Wer da noch in der Firma sitzt, hat (a) einen gestörten Umgang mit Arbeit, oder (b) ist ein armer Schlucker wie ich, der noch irgendetwas unbedingt fertig machen muss.

Generell, die Bad Practices in der Kommunikation fallen mir in letzter Zeit wirklich auf. Alleine eine E-Mail ohne den eigenen Senf weiter zu leiten, nur damit sie aus der eigenen Inbox verschwindet. Viele von uns haben Kommunikation studiert. Warum können wir das nicht?

Und es macht jeder:

Ein riesiger Circlejerk, bei dem nichts weitergeht, aber jeder glaubt er ist produktiv. Mir läuft ein Schauer über den Rücken.

Slack wird immerhin bis jetzt hauptsächlich nur intern verwendet. Ich kann mir gar nicht ausmalen, wenn statt E-Mail Slack verwendet würde. Eigentlich hätte ich diesen Artikel zu Halloween schreiben müssen.

An dieser Stelle muss ich echt mal eine Lanze für die IT-Industrie brechen. Da scheint noch ein wenig Rationalität vorhanden zu sein. Ob das daran liegt, dass IT-Menschen dringend benötigt werden, und daher einfach viel mehr Hebel haben, „Nein“ zu sagen?

Kurz gesagt:

Genau so wie wir noch nicht wissen, wie sich Social Media auf unsere Gesellschaft auswirkt (im Moment schaut es nicht gut aus, danke an Facebook und Cambridge Analytica), haben wir im Business noch nicht einmal gelernt, richtig mit E-Mails umzugehen. Falsche Produktivität wird richtiger Produktivität vorgezogen. Man zieht sich gegenseitig runter.

Aufgeben tut man einen Brief, abseilen tut man am Berg

Ich habe noch nie einen Absatz so schnell geschrieben, wie den Rant da oben. Aber es musste einfach mal gesagt werden. Nachdem das nun raus ist bin ich ein wenig entspannter.

Die Natur von Projekten ist es, dass sie sich immer wieder einmal verzögern. Und Martin’s Law (gerade erfunden) besagt, dass alle Projekte in der Selbständigkeit immer entweder

  • die gleiche Deadline
  • oder den gleichen Beginn

haben.

Genau in so einer Situation bin ich gerade. Ich bin dann aber auch einer, der nicht zurücksteigen kann. “Abseilen tut man sich am Berg”, hat mein Klassenvorstand in der HTL (Liebe Grüße! 💪) mal gesagt.

Ich habe ein Projekt angeboten, ich mache das Projekt. Ich bin seit 3 Jahren selbständig, und das ist die 3. oder 4. dieser sogenannten Crunch Times. Und inzwischen kann ich damit schon ziemlich gut umgehen.

Hier also meine Tipps, wie man auf einem so intensiven Level trotzdem produktiv bleiben kann. Spoiler: es geht darum, die oben beschriebenen Situationen zu minimieren.

1. Gar nicht erst in die Situation bringen

Will eine Person abnehmen, ist die Willenskraft beim Einkaufen von höchster Wichtigkeit: Wer den Kuchen nicht kauft, erhöht die Hemmschwelle enorm, sollte es einen nach Torte verlangen. Aus diesem Prinzip kann man lernen:

Ich bringe mich nicht einmal in die Situation, einen unproduktiven (Folge-)Tag zu erleben. Heißt: Ich sage jegliche Feiern ab, trinke keinen Alkohol, und zocke nicht einmal “eine kurze Runde”.

Selbst dieser Artikel entsteht im Kaffeehaus in dem das WLAN so überlastet ist, dass ich es kaum verwenden kann.

2. Verschwende keinen Gedanken an irrelevante Dinge

Kennst du diese Personen, die zur Straßenbahn sprinten, obwohl die nächste in zwei Minuten kommt?

Wenn sie es dann nicht schaffen sieht man, wie jegliche Lebensfreude aus ihnen weicht. Die Schultern sacken nach unten, der Gang wird schlurfend. Das Leben ist einfach Scheiße.

Die Realität ist: nur in den seltensten Fällen geht es beim Erwischen der Straßenbahn um Leben und Tod. Die mentale Energie, die du aufwendest, dich über die Straßenbahn zu beschweren, kriegst du nie wieder. Und an deinem Totenbett wird dir hoffentlich was besseres einfallen als:

Diese blöde 43er Linie, fährt mir jedes Mal vor der Nase weg!

Und seien wir uns ehrlich, wir alle regen uns ein wenig zu viel auf über Dinge, die wir nicht ändern können. An Möglichkeiten dazu mangelt es wirklich nicht.

Ich sage mir dann immer:

I choose tranquility instead. (dt. “Ich entscheide mich für Gelassenheit”)

Man könnte das Personal im Fitnesscenter zur Sau machen, weil das Warmwasser nicht funktioniert. Aber ich entscheide mich für Gelassenheit und erfahre vielleicht sogar die mentalen Vorteile einer kalten Dusche.

Ich könnte mir den Tag vermiesen weil der Bus vor meiner Nase weggefahren ist. Aber ich entscheide mich für Gelassenheit.

Wenn das für dich jetzt ein wenig esoterisch klingt: du hast recht. Je länger ich jedoch als Unternehmer tätig bin, desto mehr lerne ich:

3. Mental Health > Alles

Wenn wir in einer intensiven Zeit – sei es Masterarbeit oder Job – stecken, tendieren wir dazu, unsere Projekte mit nach Hause zu nehmen. Das gilt es zu vermeiden. Deshalb bin ich derzeit 4-mal die Woche im Fitnesscenter anzutreffen. Nicht wegen den Gains, sondern damit ich meinen Kopf leere.

Der zweite Vorteil: Wegen dem Training komme ich meist spät Nachts nach Hause. Da habe ich keine Zeit mehr, um sinnlose Youtube Videos zu schauen, oder eine Runde Computer zu spielen (siehe Punkt 1).

Auch meditiere ich inzwischen fast täglich. Die App Headspace kann ich da nur empfehlen. Ich erkenne sinnlose Ablenkungen schneller, bin ruhiger, reflektierter. Und kenne daher auch genau meine Grenzen.

Noch ein Hinweis zur Mental Health: damit ist nicht zu Spaßen. Wenn du in einem scheiß Job steckst, ist jegliches Meditieren oder Training nur die Bekämpfung der Symptome. Die Quarterlife-Crisis ist ein Ding.

Von Alkohol, Konsum oder übermäßigem Essen als coping-mechanism will ich nicht einmal beginnen. Das ist ein gefährlicher Weg einzuschlagen.

Apropos:

4. Kenne dich selbst

Jeder hat individuelle Grenzen, und ein individuelles Tempo zu arbeiten. In einem Gespräch hat der großartige Pedram Parsaian einmal erwähnt, dass eines seiner größten Learnings als Geschäftsführer war, dass nicht jeder auf seinem Energielevel operieren kann. Das kann ich nur unterstreichen.

Bei mir selbst merke ich es zum Beispiel: um wirklich Dinge auf den Boden zu bringen, muss ich alleine sein. Die Gefahr ist viel zu hoch, dass ich den gesamten Tag mit “Kaffeepausen” verbringe, wenn ich unter Menschen bin. Ich muss mich für diese intensive Zeit daher isolieren.

Auch die Art, wie du arbeitest ist hier wichtig:

  • brauchst du Tage ununterbrochener Ruhe (das bin ich)
  • schaffst du es, jeden Tag 2h ab 05:30 produktive Arbeit reinzuquetschen?
  • Brauchst du Rituale, die dich in eine produktive Stimmung bringen?
  • Bist du jemand, der auf jede Notification reagiert?

Kenne dich selbst, und bringe dich in die richtige Stimmung.

5. Kill Notifications

Ich würde mein Handy und meinen PC am Liebsten in einen 24/7 “do not disturb”-Modus geben. Wenn ich arbeite, liegt das Handy mit dem Bildschirm nach unten neben mir. Ich habe meine Flow-Musik laufen (ohne Werbung), und das aller Ärgste:

Ich traue mich inzwischen, das Mailprogramm für mehrere Stunden einfach zu schließen. Keine Notifications = keine Ablenkung = man bringt Dinge auf den Boden.

Sei gnadenlos mit deinen Aufmerksamkeitsfressern. Lösche Instagram von deinem Handy. Diese ganzen „ich-habe-2-minuten-schauen-wir-was-im-Internet-passiert-Plattformen“. Das tötet jegliche Konzentration.

Schaue dich einmal in der U-Bahn um. Nur Personen, die gelenkt werden vom nächsten Like, der nächsten roten Bubble, die irgendwo erscheint.

Menschen haben einen endlichen Vorrat an Willenskraft und Konzentration. Jede Notification, jede E-Mail zehrt davon, ohne wirklich irgendetwas zurück zu geben.

6. The Grand Gesture

In Cal Newports Buch Deep Work (die Inspiration für diesen Artikel) wird die Geschichte eines Autors erzählt, der eine absurde Deadline für ein Buch annimmt. 2 Wochen. Da es für diesen Autor aber unmöglich war, im Alltag irgendetwas dieser Größenordung realistisch auf den Boden zu bringen, entschied er sich für:

The Grand Gesture.

Der Typ hat sich einen Flug nach Tokyo gebucht. Hat dort einen Kaffee getrunken. Und ist direkt wieder zurückgeflogen. Nach diesen zwei Flügen existierte das Buch.

J.K. Rowling hat sich für den 7. Teil der Harry Potter-Reihe in einem durchaus teuren (1.000 Dollar/Nacht) Hotel eingemietet, weil zu Hause die “falsche Produktivität” lauerte.

Das Prinzip der Grand Gesture ist: raus aus dem Alltag. Der Alltag ist voll von diesen kleinen Obligationen. Wäsche waschen, mit Personen reden, schauen dass jeder glücklich ist. Und voller Versuchungen: die Konsole, Netflix.

Wenn du wirklich produktiv sein willst – suche dir einen Ort, der dich aus diesem Alltag rausreißt. Zu Hause zu arbeiten ist gefährlich. Und wenn die Bibliothek auf der Uni ein neuer Ort für dich ist (weil du noch nie dort warst): go for it.

Deshalb werde ich in den nächsten Wochen wieder ein wenig asozialer. Ich habe die Stadt trotzdem gerne, nur ist sie der falsche Ort für mich in diesen Zeiten.

Meine Grand Gesture ❤

Fazit

Ich habs schon erwähnt, ich höre derzeit das Audiobook Deep Work von Cal Newport. Da werden Konzepte beschrieben, die ich irgendwie immer schon “gefühlt” habe, aber nie wissenschaftlich oder überhaupt in einem Konzept betrachtet wurden.

Vor Allem sein Prinzip der “falschen Produktivität” hat es mir angetan: nur weil du 100 E-Mails abarbeitest heißt nicht, dass du irgendetwas relevantes dabei erreicht hast. Das sehe ich seitdem überall.

Was sind deine Erfahrungen mit Produktivität? Mit der Werbebranche? Mit E-Mails? Kommentiere unten. Machen wir eine Selbsthilfegruppe.

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...wöchentlich in deiner Inbox! 🚀

5 Kommentare

  1. Gelesen dort, wo du ihn geschrieben hast – im Kaffeehaus 😉
    Super Gedanken zum alltäglichen Wahnsinn, der sich nur so nennt, weil wir ihn dazu machen. You’re so right!

  2. Super Artikel – und ich kommentiere nie unter Content
    Rechne dir hoch an, dass du die Inspiration zu deinem Artikel erwähnt hast.
    War gestern bei einem Vortrag wo der Vortragende Konzepte aus einem Buch 1 zu 1 übernommen hat und so getan hat als wären es eine Ideen – not so nice!

    1. Danke fürs Feedback! 🙂

      Dass in der Self-Development-Branche Inhalte 100mal rehashed werden, ist wohl kein Geheimnis. Ich hatte auch schon einmal die Situation, dass Inhalte von mir ohne verlinkung o.Ä. weiterverwendet wurden. Kein Spaß. Damit noch Geld zu machen, nenne ich mal dreist.

  3. Hey Martin,

    mal wieder ein echt cooler Artikel! Vor allem das Konzept der Grand Gesture und falscher Produktivität hab ich auch schon wie du erwähnt hast unterbewusst gefühlt. Ist aber sehr cool es so pointiert von die vermittelt zu bekommen., So genung geschleimt – werde das Konzept am WE anwenden um endlich meinen Work/Life Artikel fertig zu bekommen.
    LG

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