2019-06-06 5 Minuten

Deepfakes. Das Sinnbild für eine neue Form der Zensur

In der Zensur geht nicht mehr darum, Information zurück zu halten. Es geht darum, alternative Realitäten zu schaffen.

Lass mich eine Geschichte aus Gabun erzählen. Gabun ist ein Land in Afrika. Genauer gesagt, hier:

Seit Jahrzehnten wird Gabun von der Familie Bongo regiert. Die aktuellste Inkarnation ist Ali Bongo, der seit 2009 Präsident des Landes ist. Im Herbst 2018 verschwindet Ali jedoch komplett von der Bildfläche. Er wird in London und in Saudi-Arabien medizinisch behandelt. Nach mehreren Monaten ohne öffentlichen Auftritt – und den dementsprechenden innenpolitischen Spannungen – dann am 9. Dezember die Auflösung:

Präsident Bongo hat einen Schlaganfall erlitten.

Aber es geht ihm gut. Er wird die traditionelle Neujahrsansprache halten können.

Unruhe macht sich breit: wenn es Ali gut geht, warum sieht man nichts von ihm?

Die Neujahrsansprache selbst hat es dann nicht besser gemacht. Aber schau sie dir mal selbst an:

Die Neujahrsansprache

Kommt dir irgendetwas komisch vor? Der Herr blinzelt mir ein bisschen zu selten, es wirkt irgendwie unnatürlich. Nicht echt.

So geht es vielen Kritikern. Schnell kommt der Verdacht auf, dass es sich bei dem Video um einen so genannten Deepfake handelt. Hier muss ich ein wenig ausholen:

Was ist ein Deepfake?

Das Deep kommt vom Deep Learning aus der Forschung an künstlichen Intelligenzen. Deep Learning ist eine bestimmte Form von Optimierungsmethoden für ein neuronales Netz.

Klingt alles ziemlich technisch. Ist es auch. Aber was man damit machen kann, ist um einiges einfacher zu verstehen:

Es können täuschend echte Videos von Personen produziert werden, die so nicht real sind.

Das Thema hat zum Ersten mal Wellen geschlagen, als die Köpfe bekannter Schauspielerinnen auf Porno-Szenen gefaked wurden. Und dann, als Obama Worte in den Mund gelegt wurden, die er so öffentlich nie sagen würde:

Bei Obama merkt man relativ gut, dass hier nicht eine echte Person redet. Ganz ehrlich: bei Ali Bongo bin ich mir da nicht so sicher.

Personen des öffentlichen Lebens als Ziel

Wir als Privatpersonen müssen uns noch keine Sorgen machen. Die Betonung liegt hier auf noch. Um einen Deepfake überzeugend zu machen, braucht man sehr viel Videomaterial der betreffenden Person.

Videomaterial, das es von Personen des öffentlichen Lebens zu hunderten Stunden frei im Internet abrufbar gibt. Von Schauspielerinnen bis Politikern.

Ein solches Video muss nicht einmal zum genau richtigen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit geraten, um Schaden anzurichten.

Im Fall von Ali Bongo führte das Video 1 Woche nach der Veröffentlichung zu einem Militärputsch, der dann missglückte.

Die Frage, die du dir jetzt wahrscheinlich stellst ist: War das Video denn echt? Ich konnte dazu ad hoc nichts finden. Wenn hier jemand besser über die gabunesische Innenpolitik informiert ist, bitte kurz kommentieren.

Aber eines fällt mir auf:

Wenn wir fragen müssen, ob das Video echt ist, haben wir schon verloren.

Vladislav Surkov

Ich weiß nicht, wie vertraut du mit dem Avantgarde-Theater des letzten Jahrhunderts in Russland vertraut bist. Vielleicht kennst du Vladislav von dort. Da kommt der Herr ursprünglich her.

Aus dem Theater. Er ist jemand, der inszeniert.

Heute ist er ein vertrauter Berater Putins, und hilft seit Jahren, ein politisches Klima zu schaffen, das Putin an der Macht hält. Seine Aufgaben sind vielfältig.

So hat er maßgeblich an der Destabilisierung der Ukraine mitgeholfen, wie geleakte E-Mails (der Kreml sagt, diese seien Fakes) zeigen.

 

In der Amtszeit von Medvedev (Putin durfte ja kurz nicht Präsident sein) ist Vladislav zu Höchstform aufgelaufen.

Seine Aktionen finde ich bis heute noch extrem beeindruckend. Auf die Idee (positiv oder negativer Outcome sei dahin gestellt) muss man erstmal kommen.

Surkov hat in den Jahren ab 2008 mit Geld vom Kreml alles und jeden finanziert. Vom Neonazi-Klub bis zur linken Punkband oder Jugendorganisationen. Das geschah natürlich verdeckt, vermutlich über ein Netz aus Vereinen o.Ä.

Aber warum finanziert man Gegner, Fans und “neutrale” Parteien mit staatlichen Mitteln?

  • Um Alles und Jeden diskreditieren zu können.
  • Um diesen Parteien auf Abruf jede Glaubwürdigkeit nehmen zu können.
  • Um die Bürger an ihrer Realität zweifeln zu lassen.

Was soll man denn noch glauben, wenn “eh alle korrupt sind”? Was soll man noch glauben, wenn überall der Staat die Finger im Spiel hat?

So wie bei den US-Wahlen geht es nicht mehr darum, Personen auf die eigene Seite zu ziehen. Es geht darum, Personen aus dem System zu entfernen.

Dass man einen Demokraten zum Trump-Wähler macht, ist unwahrscheinlich. Aber dass man einem Demokraten eine Realität schafft, in der ihn Joe Biden eigentlich auch nicht wirklich repräsentiert, das ist leicht.

Die Auswirkungen sehen wir in Österreich ebenfalls. Das haben wir die letzten Wochen eindrucksvoll gesehen.

Hier kommen die Deepfakes ins Spiel.

Kompromat

Kompromat kommt aus dem Russischen, und ist kompromittierendes Material über einen Politiker, oder eine andere Person des öffentlichen Lebens. Sprich: Ibiza-Video.

Ich möchte dieses Video nicht als Deepfake hinstellen – so weit sind wir technisch noch nicht. Weiters wären 7h Deepfake Material relativ aufwändig zu produzieren.

Aber:

Kannst du mit Sicherheit sagen, dass das Video von Ali Bongo echt ist?

Eben.

Was, wenn ein Video ungünstige Meldungen, oder die Nazi-Vergangenheit eines Politikers zeigt?

Hier wird in Zukunft das Wort “Deepfake!” eine valide Ausrede sein. Ist ja alles fake, so habe ich das nie gesagt. Das ist doch Dirty Campaigning!

Und das Schlimme wird sein: wir werden es tatsächlich nicht wissen (können).

Jeder wird in seiner/ihrer eigenen Realität leben. Jeder wird in den Videos sein eigenes Weltbild bestätigt sehen. Menschen werden aus der Gesellschaft “auschecken”.

Einfach nicht mehr teilhaben.

Weil es kognitiv zu aufwändig wird, die Welt zu deuten. Weil wir einfach Annahmen treffen müssen, um mit unserer Welt klar zu kommen – in einer digitalen Welt noch mehr als vielleicht früher. Und wenn wir auf diese Annahmen nicht mehr bauen können, was dann? Vielleicht doch nicht so schlecht, dass wir einen starken Staatsmann an der Spitze haben? Der die Welt noch einfach in “die” und “uns” einteilen kann?

Diese Zukunft möchte ich nicht sehen.

Ich mach mir die Welt…

Es geht also nicht mehr darum, ob ein Skandal tatsächlich passiert ist, oder nicht. Es geht darum, die Meinung der eigenen Fans zu steuern oder – sollte eine Manipulation nicht möglich sein – das Vertrauen in die Medien und Opinion Leader so zu zerrütten, dass es einfach egal ist, ob man gerade wirklich Staatsaufträge ins Ausland verkaufen wollte.

Das ist eine neue Form der Zensur. Und wir sehen sie im Moment entstehen.

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