2020-01-30 6 Minuten

Essentialism: Man kann die Unwichtigkeit aller Dinge gar nicht überschätzen

Ich laufe wie ein Welpe, der einen Tennisball sieht, jedem Projekt, jeder Möglichkeit nach. Immer noch.

2 Wochen. Das ist die längste Zeit seit ich selbständig bin, die ich abseits meiner Arbeit verbracht habe. Ich habe viel gelesen, und einige Dinge realisiert.

Unter anderem, dass ich gerne mehr Zeit für’s Lesen hätte.

Eines der Bücher hat mich genau zum richtigen Zeitpunkt gefunden (kennt ihr das?).

Empfohlen (bzw. auf Twitter gepostet) hat es David Heinemeier Hansson, der Schöpfer der Programmiersprache Ruby und genereller Fan von “Weniger ist Mehr” und Deep Work.

Das Buch heißt “Essentialism – the disciplined pursuit of less”.

Und weil die Lektionen aus diesem Buch schon wieder aus meinem Leben zu verschwinden drohen, habe ich beschlossen darüber zu schreiben. Selbsttherapie sozusagen.

Ich, beim Lesen des Buches. Andauernd.

Ein “Ja” zum falschen Zeitpunkt ist ein “Nein” zu all den anderen Dingen

Schon vor mehreren Jahren habe ich versucht die “Fuck Yes or No”-Routine in meinem Leben zu etablieren.

Also: Entweder man ist zu 120% begeistert, oder man lässt die Gelegenheit aus. Aber die Fear of Missing Out (FOMO), die Angst etwas zu verpassen, ist eine sehr starke Kraft. Das Ergebnis?

Ich laufe wie ein Welpe, der einen Tennisball sieht, jedem Projekt, jeder Möglichkeit nach. Immer noch.

Das ist meiner Meinung nach eines der großen Probleme unserer Zeit. Jedes Sideprojekt könnte dich zum Millionär machen, ein viraler Post dich zum Star.

Tut es das wirklich? Nein.

Millionäre werden die wenigsten mit einem Sideprojekt. Und selbst wenn, steckt irgendeine Form von Können dahinter. Sei es Vermarktung, eine bestehende Followerschaft oder Ähnliches.

Auch ein viraler Post macht dich nicht zum Star. Oder nur kurz. Selbst die Followerschaft auf Instagram ist flüchtig.

Ist mir so passiert (gut, ein Star war ich nicht): Mit meinen technischen Inhalten ist meine Reichweite im Vergleich zu anderen Influencern relativ stark eingeschränkt. Dann kommt TikTok, und beschert mir ein Video mit 100.000 Views.

Natürlich bin ich rein gekippt. Aber TikTok soll hier nur ein Beispiel sein. Das selbe ist mir in diversen Projekten passiert, seit ich selbständig bin.

Enden tut das Ganze aber so:

Ein “Ja” zu allen Gelegenheiten, ist ein “Nein” zur Situation rechts: Das passionierte verfolgen (und damit wohl auch das Erreichen) weniger Ziele.

Was soll ich sagen, das Buch hat mir einen Spiegel vorgehalten. Ich musste mehrmals peinlich berührt pausieren, weil 1:1 ich beschrieben wurde.

Man kann die Unwichtigkeit aller Dinge gar nicht überschätzen

Tattoospruch des Jahres right here. Oder kann mir das jemand auf einen Polster sticken (Das Handwerk, ausnahmsweise kein denglischer Begriff)?

Ich habe es schon einmal thematisiert. Das Verhältnis von Signal zu Lärm (Technisch: Signal zu Rausch, aber “Lärm” passt besser für diesen Kontext) zeigt, in welcher Qualität ein Empfänger die wichtigen Informationen erhält.

Ich würde sagen, heutzutage ist der Lärm zu laut. Social Media, Tageszeitungen, Podcasts, Werbung. In Wirklichkeit alles Lärm.

derstandard.at, am 30.1.2020, sogar schon ohne Werbung

 

Wie viel von diesen Inhalten ist in 5 Jahren noch relevant? In 2 Jahren? In 1 Monat?

Ja, Hong Kong könnte geopolitisch Auswirkungen haben. Wird aber realistischerweise wohl nie dein Leben konkret berühren.

Das Schlimmste: Die unwichtigen Dinge versuchen sich laufend, in den Vordergrund zu drängen.

Und das habe ich bisher viel zu viel zugelassen.

Paradoxe Entscheidungen

Zu viele Möglichkeiten führen zu weniger Zufriedenheit, wenn man dann wirklich eine Entscheidung trifft.

Was aber meiner Meinung nach übersehen wird ist, dass das Aufschieben bzw. Nicht-treffen von Entscheidungen (“vielleicht wird das Projekt was”, “Ich sag mal ja”) zwar in der Situation vielleicht naheliegend ist (man könnte ja vielleicht wirklich Millionär werden), langfristig aber zu kompletter Überforderung und Zerstreuung führt.

Denn:

Das laufende Nicht-Entscheiden-Wollen ist auch eine Entscheidung. Eine Entscheidung, nicht die essenziellen Dinge anzugehen. Eine Entscheidung alles so halb zu machen, zu viele Verbindlichkeiten einzugehen, und im Endeffekt nichts richtig zu machen.

Eine Entscheidung, sich bis zu einem gewissen Grad fremdbestimmen zu lassen.

Deshalb hat sich das Jahr 2019 für mich subjektiv so angefühlt, als ware “nichts weitergegangen”. Objektiv nicht wahr, aber das Gefühl ist da. Und es brennt mich aus.

Die ungeheure Kraft einer Entscheidung

Ich weiß nicht, ob ich hiermit nur für mich spreche, oder auch teilweise meine Generation, wenn ich sage:

Wir leben alle in einem Modus, in dem es darum geht, zu so wenig Dingen wie möglich “Nein” zu sagen. Es könnte ja noch XZ passieren. Das ist unser „Default“, unsere Standardeinstellung.

Wir scheinen nur die negativen Aspekte einer Entscheidung zu beachten: Was wir alles verpassen könnten.

Dabei gibt es auch extrem positive Aspekte. Allen Voran:

Freiheit.

Die Freiheit, nicht laufend was-wäre-wenn zu spielen.

Die Freiheit, Dinge guten Gewissens ablehnen zu können.

Die Freiheit, sich darauf zu konzentrieren, wo du wirklich etwas bewirken kannst.

Das sind jetzt große Worte, und tatsächlich habe ich selbst ein riesiges Problem damit.

Long story short

Ich habe in den letzten Monaten einige Entscheidungen getroffen. Und keine bereut:

Kein Online-Marketing mehr.

Ja, ich kann eine bessere Performance liefern als viele Media-Agenturen da draußen und Ja, es ist auch gutes Geld. Aber in diesem Bereich möchte ich nicht mehr wirklich arbeiten. Meine Zeit ist wo anders besser aufgehoben.

BOOM. Stunden gewonnen.

Kein Tagesgeschehen.

Wenn eine Story wirklich wichtig ist, wird sie mich finden. Tagesgeschehen ist für mich nur Lärm. Ja, ich kenne die aktuellen Personalbesetzungen der Regierung nicht. Nein, ich bin deswegen nicht schlechter dran.

Was alleine dieser Schritt Zeit und Nerven spart, unglaublich.

Shoutout an den Twitter Circlejerk an dieser Stelle. Wie viele Stunden man jedes Muh und Mäh kommentieren kann, faszinierend.

Kein TikTok.

Da kann Gary Vaynerchuck noch so viel reden. Das Investment ist es mir nicht (mehr) wert.

Weniger Blogposts.

Sehe ich mir an, welche Blogposts im Jahr 2019 besonders gut performt haben, ergibt sich ein Muster:

  1. Shit, ich habe die 100k Pageviews verpasst.
  2. Geil, ich hatte 98k Pageviews
  3. Die Blogartikel, die am besten performten, waren die, die sich quasi von selbst schrieben. Die ich nicht erzwingen musste.

Deshalb gibt es ab sofort keinen Content mehr, zu dem ich mich zwingen muss. Heißt aber nicht, dass der Content insgesamt weniger wird. An dieser Stelle darf ich dir meinen Youtube-Channel empfehlen.

Wenn jeder von A und B redet, frag: Was ist mit C?

Beim Investieren soll man antizyklisch handeln (na eh…). Also entgegengesetzt von dem, was jeder tut.

Das ist extrem schwer. Ich habe es im Bitcoin Hype bemerkt. Da war ich nicht klüger als die Masse, auch wenn ich das geglaubt habe.

Heute versucht (zumindest in meiner Bubble) jeder:

  • mit drei Projekten auf der Seite Geld zu verdienen
  • seinen TikTok Account zu vergrößern
  • einen Podcast zu machen
  • passives Einkommen zu generieren

Kann also nicht so falsch sein, in einer Zeit des MEHR MEHR MEHR, einfach mal zu sagen:

“Nein”.

Wie geht es dir damit? Bist du ebenfalls zerstreut über hunderte Dinge und Projekte, die alle irgendwie deine Zeit in Anspruch nehmen? Die du aber nicht mit einem „Nein“ abschießen möchtest, weil ja noch irgendwann etwas passieren könnte? Würde mich über deine Erfahrungen freuen 💬.

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2 Kommentare

  1. Toller Artikel.

    Ich hatte in meinem Urlaub auch wieder viel gelesen, weil es meine Leidenschaft ist und ich es liebe. Mit diesem Vorsatz im Gepäck wieder Back-at-work und plötzlich wieder diese Energielosigkeit fürs Lesen. Man lädt sich, ob bewusst oder unbewusst, soviel auf. Natürlich, man möchte ja jede Chance nutzen, aber letztendlich leidet die Qualität darunter und irgendwann ist man ausgebrannt.

    Aber ist das nicht schräg, man hat eine Leidenschaft, etwas, dass man liebt, und man findet nicht die Kraft dafür? Diese Erkenntnis brachte mich auch ziemlich zum Nachdenken.

    Btw. ich lese auch seit einiger Zeit keine Nachrichten mehr, bin trotzdem informiert und weiß grundlegend Bescheid. Also hatte bei Diskussionen noch nie das Gefühl „ach das wusste ich nicht“ oder „was, das habe ich nicht mitbekommen“. Das ist für mich das faszinierendste Phänomen der heutigen Zeit.

    1. Danke 🙂

      Ja! Und wenn man sich zum Lesen zwingt, bleibt nichts hängen – also erst recht nutzlos.

      Ich hatte auch noch nie die Situation, dass es mir peinlich gewesen wäre. Und meist kann mans auch gut überspielen 😀

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