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2019-06-27 8 Minuten

Facebook Libra ≋: Durchbruch der Kryptowährungen?

Warum Facebook Libra schaffen kann, was andere Kryptowährungen nicht schaffen.

Lange ist’s her, dass ich über Kryptowährungen geschrieben habe. Die Entwicklung in diese Richtung ist aber natürlich nicht stehen geblieben. Viele alternative Coins sind schon verschwunden, viele Abzockereien aufgegangen.

Auf der anderen Seite gibt es auch einige Teams, die die letzten Jahre einfach laufend am Produkt weiterentwickelt haben. Es geht voran in diesem Gebiet.

Auch bei den großen Unternehmen ist das Thema nach hunderten “Wie die Blockchain dein Business revolutionieren wird”-Artikeln und Panels schön langsam angekommen. Zumindest evaluiert wird fleißig.

News, die aus der Krypto-Bubble in den Mainstream kamen, gab es aber wenige in letzter Zeit.

Bis Facebook das Projekt Libra (Währungs-Symbol: ≋) vorgestellt hat.

Wie jetzt, das halb-soziopathische Unternehmen, das die Daten von Milliarden Menschen absaugt / missbraucht, macht eine Währung?

Das waren meine ersten Gedanken. Das klingt – mit Verlaub – nach keiner guten Idee. Also für Facebook schon, für den Rest der Welt? Weniger.

Dennoch, Facebook ist in einer einzigartigen Situation. Mit 2,6 Milliarden Usern könnte so ein Projekt über Nacht verändern, wie wir bezahlen. Etwas, das allen Kryptowährungen bis jetzt verwehrt blieb.

Was ist Facebook Libra?

Gleich vorweg: Libra ist kein Projekt von Facebook alleine. Inzwischen ist auch im Management angekommen, dass das Vertrauen in das Unternehmen nicht gerade am Höchststand ist.

Libra ist ein von Facebook initiiertes Projekt, kein Produkt von Facebook.

Und das ist wichtig. Facebook hat hier von Paymentanbietern wie Mastercard und VISA bis zu Tech-Riesen wie Uber und Spotify diverse Organisationen ins Boot geholt.

Das Management der Währung übernimmt die Libra Association, in der jeder der Founding Members ungefähr 1% Stimmrecht hat. In dieses System kann man sich mit 10 Millionen Dollar einkaufen.

Diese Association trifft sich 2 mal im Jahr in der Schweiz – dem Land der Banken.

Libra ist also eine relativ breit gestreute Organisation. Dass hier Facebook so viel Kontrolle aufgibt, liegt meiner Meinung nach an regulatorischen Gründen: Niemand würde eine Facebook-Währung erlauben. Das verstehen sogar unsere nicht tech-affinen Gesetzgeber.

Wie funktioniert Facebook Libra?

Im Kern ist Facebook Libra eine Kryptowährung. Heißt:

  • Transaktionen werden auf einer Blockchain abgespeichert
  • Transaktionen müssen von mehreren Parteien bestätigt werden (in diesem Fall initial die Founding Members, die sich in die Association eingekauft haben)
  • Jeder User hat sein eigenes “Wallet”, also das Geldbörserl der Kryptowährungen

Wir User werden unsere Euros gegen Libra eintauschen können. Die sind dann im gesamten Ökosystem verwendbar. Die Use-Cases sind durchaus interessant:

  • Ein Kleidungsstück direkt auf Instagram kaufen
  • Geld an Freunde via Messenger / WhatsApp schicken
  • Geld über Landesgrenzen hinaus an andere Personen schicken (eine derzeit mühsame Angelegenheit)

Deine Libra lassen sich aber auch direkt wieder in Euros umtauschen. Hier entsteht direkt eines der interessanteren Probleme dieser Kryptowährung:

Libra muss in irgendeiner Weise durch gesetzlich anerkannte Zahlungsmittel gedeckt werden. Das ist auch im Interesse der Libra Association: Bisherige Kryptowährungen sind einfach zu volatil, um sie als Zahlungsmittel zu verwenden.

Das ist ein Move, der nicht zu unterschätzen ist: Auf Anhieb ist die Libra Association eine Art Zentralbank, die den Wechselkurs in andere Währungen irgendwie managen muss. Und zwar mit den Möglichkeiten eines privaten Unternehmens, nicht eines Staates. Sicher eine interessante Volkswirtschaftliche Herausforderung.

Die Mitglieder der neuen Zentralbank

Unterschiede zu klassischen Kryptowährungen

Die Nutzung von Facebook Libra überschneidet sich durchaus mit vielen Use-Cases klassischer Kryptowährungen. Was die aber bisher nicht hatten, sind drei Dinge:

  • Distribution
  • Einfachheit
  • Skalierbarkeit
  • Stabilität

In allen Dingen hat Libra sehr interessante Ansätze bzw. durch ihre Organisationsstruktur massive Vorteile.

Distribution

Mit einem Fingerschnippen kann Facebook Libra an 2,6 Milliarden Menschen ausrollen. Und zwar an die alltäglichen User, nicht nur die technische Elite, wie es derzeit der Fall ist. Das ist eine Position, in der sich meiner Meinung nach noch keine Kryptowährung bis jetzt befunden hat.

Damit das aber aufgeht, muss das Ding auch einfach sein:

Einfachheit

Wüsstest du, wie du dir die Private Keys für ein neues Bitcoin Wallet generierst? Was tun, wenn du dein Wallet bei einem PC-Crash verlierst?

Das Alles sind Dinge, die den normalen User weder interessieren, noch zu interessieren haben. Der Bezahlvorgang muss einfach funktionieren. Da sollte man sich nicht 3 Stunden durch technische Guides wälzen müssen. Bei Libra wird dies alles für den User erledigt.

Skalierbarkeit

Beim Hype im Jahr 2017 konnte man eindrucksvoll betrachten, wie die technische Infrastruktur der Börsen und Krypto-Anbieter an ihre Grenzen kamen. Ein globales Bezahlsystem muss viele tausende Transaktionen abwickeln können, ohne in die Knie zu gehen. Auch das ist ein Fakt, der derzeit nur bedingt gegeben ist.

Libra soll hier 1.000 Transaktionen pro Sekunde abwickeln können. Wird sich aber noch zeigen, ob sie nicht trotzdem Probleme haben werden.

Stabilität

Auch im Jahr 2019 ist Bitcoin noch sehr volatil. Gerade wieder gesehen: 2.000€ Kursschwankung in 24 Stunden. Das liegt daran, dass Bitcoin (und die meisten anderen Kryptowährungen) nicht an gesetzliche Zahlungsmittel geknüpft sind.

Auch hier setzt Libra an: dadurch, dass die Libra Association wie eine Art Zentralbank fungiert, soll der Wert eines Libra in etwa gleich bleiben.

Ist Facebook Libra sicher?

Beim Theme Sicherheit gibt es auch ein paar interessante Ansätze bei Libra.

Eine der Fragen, die sich bei so einem Projekt aufwirft, ist folgende:

Was tun, wenn das Finanzsystem von hunderten Millionen Konsumenten gehackt wird?

Diese Frage ist in der Kryptowährungswelt unterschiedlich beantwortet worden. Bei Ethereum hat die Antwort beispielsweise zu einer Aufteilung in zwei Währungen geführt.

Das ist für den/die EndkonsumentIn, wie ihn Libra erreichen will, inakzeptabel. Wie soll man das bitte kommunizieren?

Libra hat sich hier für folgende Vorgehensweise entschieden: Bei einem Hack wird das System pausiert, der Schaden eruiert, und dann: schauma mal.

Das löst das Problem eines Hacks noch nicht, schafft aber hoffentlich zumindest ein geordnetes Vorgehen im Falle des Falles.

Auch für den einzelnen User wird es Sicherheit geben: verliert man durch einen Hack oder Betrug den Account, erhält man seine verlorenen Libra zurück. Das ist aus meiner Sicht ein Novum, das technisch nicht affinen Personen vielleicht genau dieses Extra an Sicherheit bietet, um die Technologie zu verwenden.

Bug Bounty und Programmierer

Um Fehler im System auszumerzen, wird es für Libra ein sogenanntes Bug Bounty Programm geben. Das ist an sich ein sehr begrüßenswertes Vorhaben, das kann ich sofort unterschreiben.

Was mich jedoch stört ist: Die Programmierer, die im Endeffekt Apps für Libra entwickeln werden, sind in keiner Weise  überprüft.

Das ist meiner Meinung nach ein riesiges Problem. Als Cyberkrimineller wäre mein erster Schritt, Apps zu entwickeln, die aussehen wie das Original, aber Libra absaugen.

Hier muss man nur den Google Play Store mit dem Apple App Store vergleichen. Die hohen Zugangsbeschränkungen zum App Store verringern die Anzahl schädlicher Apps drastisch.

Google kämpft noch immer mit diesem Thema.

Diese Entscheidung verstehe ich weder aus technischer, noch aus kommunikativer Sicht. Jeder Betrug, der so auffliegt, fällt auf die Libra Association – und folglich Facebook – zurück.

Das Bigger Picture: Wie ordnet sich Facebook Libra in aktuelle Entwicklungen ein?

Um wieder einmal Professor Galloway zu zitieren:

Die Finanzdienstleister haben es geschafft, 1,7 Milliarden Menschen mit ihren Dienstleistungen einfach zu ignorieren.

Von diesen 1,7 Milliarden Personen haben aber 2/3 ein Handy, mit dem sie theoretisch Finanzdienstleistungen konsumieren können.

Das ist die Realität, die hinter dem Schlagwort “banking the unbanked” steht. Das ist eine unfassbare Möglichkeit für Wachstum. Die gleichzeitig sogar zum Vorteil der User ist: Die Transaktionsgebühren in diesen Ländern sind teilweise absurd hoch.

Insgesamt sind mir jedoch einige Dinge hier ein Dorn im Auge:

  • Privatsphäre: Hier weiß Facebook natürlich, dass die Stimmung im Moment gegen “Big Tech” dreht. Daher soll kein Daten-Sharing zwischen Libra und Facebook passieren. Gut, das haben sie uns auch bei WhatsApp gesagt.
  • Eine der größten Währungen in privater Hand: kann gut gehen. Wenn nicht, haben wir ein Problem. Wenn Libra too big to fail ist, wer soll dann den Banken-Bailout von 2008 wiederholen? Wenn das Ding global eingesetzt wird, müssen dann die Zentralbanken aller Länder einspringen?

  • Nicht im Sinne eigentlicher Kryptowährungen: Bei Kryptowährungen – oder zumindest bei den Idealisten – geht es darum, die Kontrolle von zentralen Instanzen eben wegzubringen. Diesen Gedanken sehe ich hier nur bedingt.
  • Sicherheitsbedenken: Wenn die Sicherheit für den nicht tech-affinen User nicht gegeben ist, kann das das Vertrauen in die Währung zur Gänze erodieren. Im Endeffekt ist eine Währung aber genau das: das Vertrauen, dass man für ein Stück Papier, oder ein paar Bytes etwas tauschen kann.
  • Abhängigkeit: In Nigeria glauben 65% der User, dass Facebook das Internet ist. Das ist ein völlig anderes User-Erlebnis als wir es haben. Wenn dann noch Zahlungsmittel hinzukommen, hat Facebook indirekt die volle Kontrolle. Sowohl über Medien, als auch das Finanzsystem.

Fazit

Für mich ist Libra der Business-Move des Jahres 2019, bis jetzt. Aus Business-Sicht eine Wahnsinns-Idee. Revolutionär fast.

Nur:

Bisher waren Währungen eher was für Länder und (im Fall von Idealisten) komplett dezentraler Systeme. Hier schließen sich jedoch hundert der mächtigsten Organisationen der Welt zusammen, und machen ihr eigenes Zahlungssystem.

Ja, 1,7 Milliarden Menschen bekommen potenziell Zugang zu günstigeren Finanzdienstleistungen. Gleichzeitig werden 1,7 Milliarden Menschen in eine potenzielle Abhängigkeit gezwängt.

Im Kern der Thematik steht das Vertrauen.

Wem vertraue ich mit meinem Geld? Den Staaten? Einem Konglomerat an Unternehmen mit fragwürdigem Track Record? Oder einem komplett dezentralisierten, aber vielleicht bald illegalem Zahlungsmittel?

Das muss jedeR für sich entscheiden.

Nur so viel sei gesagt: Wenn ein Argentinier sein Geld am all-time-high bei 20.000 Dollar in Bitcoin investiert hätte, hätte er heute noch mehr Geld, als in argentinischen Pesos.

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