2019-10-10 6 Minuten

Ich habe 2019 bis jetzt 254 Tage gearbeitet, und alles was ich gekriegt habe ist eine Gastritis.

Ich werde hier jetzt nicht lügen: für normale Standards habe ich ein gestörtes Verhältnis zu Arbeit.

Ich werde hier jetzt nicht lügen: für normale Standards habe ich ein gestörtes Verhältnis zu Arbeit.

Vor ungefähr einem Jahr habe ich mich auf einem Networking-Event großartig mit einem Herrn unterhalten, der von meiner Energie begeistert war. Beim nächsten Treffen ein paar Monate später offenbart er mir:

Er hätte nicht gedacht, dass ich gedacht, dass ich nach wie vor die selbe Energie hätte. “Bin gespannt, wie der in ein paar Monaten aussieht”, hat er sich damals gedacht.

Im Gehirn eines Selbstoptimierers

Wenn es etwas gibt, zu dem ich ein noch gestörteres Verhältnis als zur Arbeit habe, dann ist das die Selbstoptimierung. Normalerweise bin ich 4 Mal pro Woche im Fitnesscenter anzutreffen. Aber nicht wegen den Gains oder um zu Netzwerken, sondern:

Damit ich von meinem Arbeitsalltag runter komme.

Und weil ich weiß: Wenn ich keinen Ausgleich habe, bin ich gereizter. Kann nicht schlafen, weil mir Projekte im Kopf herumschwirren.

Kurz: das Gewichtheben hat für mich den größten Nutzen in der kürzesten Zeit. Alles eine Frage des Return on Investments. Natürlich habe ich eine Excelliste, in der ich genau mitschreibe, wieviel ich wann gehoben habe.

Auch im Arbeitsalltag das selbe Bild: Ich protokolliere jede Minute. An welchen Projekten arbeite ich? Wie viel bilde ich mich weiter? Wie viel verwende ich fürs Netzwerken?

Nur beim Schlaf gibt es für mich keine Kompromisse. Der ist mir heilig. Spätestens seit diesem extrem aufschlussreichen TED-Talk. Guter Schlaf ermöglicht erst alles Andere.

Eine gut geölte Maschine

Das läuft nun seit 4 Jahren so. In diesen 4 Jahren war ich kein einziges Mal länger als 2 Tage krank. Hatte immer Energie.

Vielleicht liegt es an meinem technischen Hintergrund, aber ich bin sehr stolz darauf, wie ich mein Leben optimiert habe.

Schon alleine aus Storytelling-Gründen muss aber irgendwann der Crash kommen. “Das funktioniert nicht für immer” habe ich oft genug gehört.

In der ersten – und einzigen – Woche Urlaub des Jahres 2019 passierte es dann. Direkt am ersten Tag. Mir geht es richtig dreckig, mein Arbeitsalltag hat sich auf den Magen geschlagen.

Ein relativ eindeutiges Signal meines Körpers.

Und ich merke schnell, wie ignorant ich eigentlich seit Jahren bin: Anscheinend ist es normal für viele Personen, dass sich Stressphasen so stark auswirken.

Für mich bisher ein unbekanntes Phänomen.

Ein Phänomen, dem ich genau auf den Grund gehen muss.

“Arbeite weniger, achte auf deinen Ausgleich” ist mir zu vage. Ich will genau wissen, welche Faktoren wie zu dieser Situation geführt haben. Ich muss mein Leben debuggen.

Beim Debuggen geht man ein Programm Schritt für Schritt durch, um die Quelle eines Fehlers zu finden.

Zum Glück protokolliere ich ja fast mein gesamtes Leben.

Faktor 1: Wie arbeite ich?

Du hast gedacht, das wird ein Mindset-Artikel? Fehlanzeige!

Das wir eine knallharte Datenanalyse.

Ich lade mir das Timetracking meiner Arbeitszeit herunter, und spiele ein wenig mit den Daten.

Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Österreich mit 5-Tage-Woche hat 248 Arbeitstage. Zählt man 5 Wochen Urlaub ab, ergeben sich 223 Arbeitstage für das Jahr 2019.

So weit, so gut. Wie viele Tage habe ich dieses Jahr bis jetzt gearbeitet?

Ich importiere meine Timetrackings, und lasse die Anzahl der Tage mit Einträgen zählen.Natürlich mit einer Formel.

Das Ergebnis ist Folgendes:

Fuck. Ja, ich arbeite viel. Aber das? Schön langsam wird mir klar, warum mein Körper mir Signale sendet.

Vor Allem, wenn ich das mit 2018 vergleiche: Da habe ich im gesamten Jahr “nur” 250 Arbeitstage verzeichnet.

Aber gut. Kann ja auch sein, dass ich eben am Wochenende kurz ein Update gemacht habe. Das würde ja auch als Arbeitstag zählen. Wie lange arbeite ich also pro Tag?

Na immerhin. Wobei man natürlich schon sagen muss, dass eine Stunde als Selbständiger locker um den Faktor 2 intensiver ist, als als Angestellter.

Ein Problemfaktor der Gleichung ist gefunden. Aber irgendwie muss es noch an etwas anderem liegen. Denn: Im Jahr 2017 habe ich stolze 291 Arbeitstage getrackt.

Wenn das jetzt so klingt, als würde ich Arbeit glorifizieren, dann ist das nur die halbe Geschichte. Vor Allem in der IT ist es ein Leichtes, sich eine Karriere mit 30 Wochenstunden zu schaffen, sogar mit vergleichbarem finanziellen Ergebnis wie meine Selbständigkeit im Moment. Also man muss schon sagen, das Gras ist extrem grün auf der anderen Seite.

Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.

Faktor 2: Ausgleich

Ja, auch mein Ausgleich ist quantifiziert. Nicht in Stunden, sondern in Nutzen. Ich beschäftige mich mit Philosophie, um das Warum hinter dem, was ich tue, zu ergründen.

Ich meditiere, um mehr im Jetzt zu leben, und nicht andauernd mental in der Zukunft herumzuhängen und Pläne zu schmieden.

Und ich mache Kraftsport, um meinen Geist ruhig zu stellen. Und meinen Körper gesund zu halten. Den brauche ich nämlich noch länger.

Und hier liegt, denke ich, der eigentliche Hund begraben. Ich habe es nämlich geschafft, beim Training meinen Ellenbogen zu verletzen. Klassisches Overtraining: zu viel Gewicht verwendet (das Damoklesschwert der Stagnation hängt ja laufend über einem).

In den 11 Wochen vor meinem Urlaub konnte ich also nicht wirklich trainieren.

Habe ich womöglich die dadurch “gewonnene” Zeit mit Arbeit substituiert? Also noch mehr gearbeitet?

Das zumindest scheint nicht der Fall zu sein (in rot meine Trainingsfreie Zeit):

Die Arbeitszeit hat in der Zeit ohne Training genau so stark fluktuiert, wie immer.

Subjektiv würde ich sagen: genau das war das Problem. Ich habe 11 Wochen genau so wie vorher weitergemacht – nur ohne Ausgleich.

Haben wir den Fehler also gefunden? Ich glaube noch nicht ganz.

Faktor 3: Psychologie

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich im Jahr 2018 die Zertifizierung zum Offensive Security Certified Professional begonnen habe. Mein Plan war, bis Oktober 2018 fertig zu sein.

Nun, 1 Jahr später bin ich noch immer am selben Stand, wie Ende 2018.

Der Business-Alltag ist dazwischen gekommen. Nicht falsch verstehen – ich liebe es nach wie vor, wie sich Kunden über unsere Websites freuen. Und ich habe auch wichtige Lektionen in Bezug auf Skalierung und Leadership lernen dürfen.

Nur gibt es da diese Stimme in meinem Hinterkopf, die laufend fragt:

Wolltest du nicht ein IT-Security Business aufbauen?

Deshalb habe ich auch Schritte gesetzt, wie ich meinen Fokus zurückgewinnen kann. Es war eine harte Entscheidung, aber ich habe einen Quasi-Aufnahmestop für neue Webseitenprojekte verhängt. Nur mehr Bestandskunden, Kollegen und Freunde. Meine bestehenden Geschäftsbeziehungen werde ich hier nicht aufs Spiel setzen. Das wäre blöd. Fokus hin oder her.

Fazit

Wer nun gehofft hat, dass ich “gescheiter” geworden bin, das System hinterfragt, und gelernt habe, dass es mehr als Arbeit im Leben gibt: Sorry. Noch ist es nicht so weit.

Ich arbeite extrem gerne, und habe noch Großes vor. Da kann es schon passieren, dass ein Fehler in meiner Selbstoptimierungsgleichung solche Folgen hat. Dann aber komplett auszusteigen, halte ich nicht für sinnvoll. Immerhin tragen wir zu 100 Prozent die Verantwortung, wie wir auf externe Umstände reagieren.

Das heißt für mich: reflektieren, wann es mir an Ausgleich fehlt. Und reagieren.

Und vielleicht auch: meine Arbeitstage auf einem gesunden Level zu halten.

Jetzt würde mich aber deine Meinung interessieren: Bin ich für dich ein ewig Getriebener? Jemand, der in 2 Jahren ganz anders reden wird? Kommentiere unten! 🔽

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8 Kommentare

  1. Ja runterschalten ist die Kunst…am Gas bleiben ist gefühlt einfacher. Va piano va lontano um es in der Worten einer Pizzeriakette zu sagen.

  2. Ich denke du hast zu viel Gas gegeben. Aber ich kenne das Gefühl gut in der Selbstständigkeit, denn wenns mal läuft dann will man auch gleich dranbleiben. Ich hab gemerkt das die kleinen Ausbrüche aus der Routine viel bringen um das (oft auch nur unterbewußte) Stresslevel runterzubringen. Wie oben schon erwähnt. Vielleicht mal 1h im Prater herumspazieren. Oder irgendwas neues ausprobieren (sportlich). Irgendeinen schrägen Kurs, oder Hobby anfangen (weit weg von einem Computer :). Das sich selbst ständig vergleichen mit richtig oargen Chiefs ist auch oft ein Problem. Dadurch fühlt man sich auch immer getrieben. Da muss man für sich selbst halt einen Weg finden wie man das öfter relativieren kann.

  3. Hi Martin!
    Mir geht’s genau so, bin zwar nicht selbstständig aber beruflich in extrem vielen Projekten involviert (an denen halt irgendwann auch viel Herzblut hängt). Das führt natürlich dazu, dass ma sich umso mehr reinhängt und was gutes dabei rausbringen will. Wenn dann mal eine Woche dabei is wo kein Ausgleich in Form von Sport möglich ist, dann rächt sich das Ganze fast umgehend, vor allem weil man weniger fokussiert und konzentriert ist und gefühlt nichts weiter bringt.
    Irgendwann fragt man sich halt dann trotzdem, ob es das jz bringt, das ma so eine Walze an Tasks vor sich her schiebt wo es doch einfacher auch gehen würde.
    So bleibt das Leben aber wenigstens spannend 😉

  4. Eine knallharte Selbstanalyse; gleichzeitig ist jedoch das Erkennen der Situation ein guter Start für Korrekturen.

    Deine 6,88 h/Tg bis Okt. hochgerechnet auf das ganze Jahr ergeben 2.511 h für 2019 gegenüber ‚Normalarbeitszeit‘ von 1.784 h. D.h. Du liegst bei permanent 40% Mehrleistung übers ganze Jahr, was schon recht heftig ist.

    Das mit dem krank werden am ersten Urlaubstag kommt mir selbst von früher sehr bekannt vor – schnell noch alles fertigstellen (Körper im Survival Modus), dann E n t s p a n n u n g . Oder ? Nein, jetzt kommt alles raus, was der Körper die letzte Zeit im Notprogramm unterdrückt hat. Nicht umsonst gibt es signifikant mehr Herzinfarkte rund um die Weihnachtszeit…

    Das mit der Arbeitszeit ist so eine Sache – brennt man für etwas, macht man es, keine Frage – ungeachtet des Zeiteinsatzes. Ist es ein Projekt mit überschaubarem Zeitraum – ok. Ist es quasi Dauerzustand über Jahre – dann ist es eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss.

    Aus meiner Erfahrung hilft räumliche Veränderung an freien Tagen (wegfahren) mit fixem Programm, sei es ein paar Tage wegfliegen und was Neues ansehen oder auch nur einen Tag Bergwandern – ohne Berufliches (außer Notfälle natürlich, die kein anderer im Team erledigen kann).

    Take care!

  5. Danke! 🙌

    In solchen Momenten beginnt man dann zu hinterfragen. Inwischen kann ich aber wieder trainieren, der Ausgleich ist also wieder hergestellt.

    Es klingt so basic, aber im Moment ist es schwer, zu reflektieren. Zu checken, dass man direkt runterschalten sollte.

  6. Nein, lieber Martin! Du gehörst zu der Kategorie Mensch, die sich immer weiter entwickeln müssen, Stillstand ist Gift für deine Seele.
    Mir geht’s da nicht anders, allerdings kann dein Tempo dazu führen, dass dein Körper irgendwann Stopp sagt. Spätestens dann musst du dir Auszeit nehmen. Das Ziel wäre hier natürlich früher auf dein Körper zu hören, was mir leider auch nicht immer gelingt.
    Ich habe auch noch keine vernünftige Antwort darauf gefunden, wie man dieser Problematik begegnet. Aber so sind wir halt, wenn wir uns nicht weiterentwickeln, sind wir unglücklich.
    LG, Cetin

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