2019-12-05 5 Minuten

Kreaturen des Algorithmus

Der einzige Weg zu gewinnen, ist nicht zu spielen.

Ziemlich genau 2 Monat ist es her, seit ich TikTok ausprobiert habe. Damals habe ich mit dem Fazit geendet, dass ich es mir nochmal ansehen werde, wenn es vielleicht Business-relevant für mich wird.

Plot Twist: Nur 1-2 Wochen später habe ich mit meinen Bürokollegen einen Account angelegt.

Und bin in diese App gesaugt worden, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte.

TikTok ist die erste App, bei der ich mir am Handy ein Zeitlimit von 1h am Tag einstellen musste. Ich dachte eigentlich, dass ich über dem stehe.

Vielleicht bin ich auch nur ein Mensch. Fuck.

Und das Schlimmste:

Das Maximale positive Erlebnis auf dieser App ist ein etwas lauteres Ausatmen, wenn man etwas lustig findet.

Wie blöd scrolle ich weiter, in der Hoffnung auf (a) attraktive Menschen und (b) etwas, das so lustig ist, dass ich zumindest lauter ausatme.

Wtf.

Von viral zu “was habe ich falsch gemacht?”

Aber ich bin ja nicht nur hier, um 90% Mädels in Yogapants zu betrachten (oder doch?).

Ich bin ja Content Creator. Ich bin eine Marke. Dementsprechend muss ich mir neue Plattformen auch ansehen, sie verstehen, und eventuell in meine Social Media Strategie aufnehmen.

Ich mache also ein paar TikToks.

Bei den ersten beiden zeigt sich das, was Gary Vee “underpriced Attention” nennt:

  • 13.800 Views
  • 5300 Views

Wow. Das ist quasi gratis Reichweite. Nice.

Meine nächsten 3 TikToks gehen sogar mehr oder weniger viral. Mit 39.900, 23.100 und 34.500 Views.

Das ist eine richtig geile Reichweite.

Insgeheim male ich mir schon meine Berühmtheit aus. Vor meinem Büro lauern die imaginären Fans, bis ich mit meinem imaginären Bentley vorfahre.

Aber Fortuna ist grausam. Oder sollte ich lieber sagen, der TikTok Algorithmus? Alle TikToks seitdem (obwohl ähnlich “qualitativ”) konnten maximal 1.400 Views abstauben.

Aufstieg und Fall des Martin H.

Was einen interessanten Gedankengang zur Folge hatte:

Mache ich etwas falsch?

Nun, ich bin reflektiert genug, um genau zu wissen, was in Wirklichkeit passiert ist:

  • TikTok spielt neue Inhalte initial an mehrere hundert Personen aus.
  • Dann wird analysiert, ob es “guter” Content ist
  • Je nachdem landet man auf der “For you Page”, also der “Entdecken”-Seite der App.
  • Schafft man das: Viralität, tausende Views, möglicherweise Berühmtheit
  • Schafft man es nicht: Selbstzweifel

Mir ist klar, dass Followers, Likes nur Zahlen sind, die in keiner Weise beeinflussen (sollten), welche Person ich bin. Trotzdem, es findet eine Selbstzensur statt:

Bevor ich poste, überlege ich zweimal. Die bisherigen “Erfolge” werden zu meiner Baseline. Ich zensiere mich selbst, weil ich mir denke, dass die neuen Inhalte eh nicht so erfolgreich werden wie meine bisherigen.

Instagram versteckt Likes

Das ist auch der Grund, warum sich Instagram gezwungen fühlt, die Likes auf Bilder auszublenden.

Nicht weil es ihnen um die mentale Gesundheit 13-Jähriger geht, sondern weil eiskaltes Business-Kalkül dahinter steckt.

Wenn User sich selbst zensieren – eine Studentin zum Beispiel nur mehr Bikini-Fotos postet, weil die historisch am meisten Likes eingebracht haben – wird die Aktivität auf der Plattform sinken.

Entfernt man die Validation aus der Gleichung (in dem man Likes nicht mehr anzeigt) wird die Kreativität hoffentlich angekurbelt. Mehr Aktivität auf der Plattform = mehr Werbeeinnahmen. Ich denke nicht, dass das so funktionieren wird.

Das einzige Problem: Auf irgendeine kranke weise lieben wir diese Validierung. Hunderte Challenges, bei denen es um nichts anderes geht, als sich leicht bekleidet zu zeigen, beweisen dies.

Und das wird natürlich durch einen Algorithmus wie auf TikTok nochmal verstärkt. Viele Content Creators auf TikTok beschweren sich inzwischen, dass ihr (richtig guter) Content nicht mehr die Reichweite kriegt wie früher.

An dieser Stelle darf ich auf den Haunschmid’schen Hypecycle verweisen. Es war klar, dass das passieren würde. Nur interessant, dass es so schnell geht.

Stattdessen werden die immer wieder gleichen Tanz-Challenges bevorzugt, die im Endeffekt keinerlei “Mehrwert” als Fleischbeschau bieten. Hart formuliert, ist aber so.

Und dann muss man noch dazu Folgendes lesen:

Woah. TikTok schränkt die Reichweite von dicken, behinderten oder queeren Usern ein.

Na klar, TikTok wollte nur helfen. In dem es Menschen, die sich “möglicherweise Cyberbullying aussetzen” mal vorsorglich die Reichweite nimmt. Natürlich. Hat auch nichts damit zu tun, dass TikTok quasi der Social Media Arm der Kommunistischen Partei Chinas ist.

Fun Fact: Ein neues “Cybersecurity” Gesetz erlaubt es der CCP auf die Daten eines jeden Unternehmens (auch externe) zuzugreifen. Keine Verschlüsselung, voller Zugriff auf die Daten. Verantwortlich für “Cybersecurity” in China? Ein Big Data Experte. Bin ich ein Schelm, wenn ich da Böses denke?

Kreaturen des Algorithmus

Sind wir also Laborratten? Eine weiße Ratte im Labyrinth der Algorithmen? In Wirklichkeit chancenlos?

Klingt verdächtig danach. Wir sind einfach nicht vorbereitet auf diese Welt.

Der Ausweg?

“The only winning move is not to play” -WarGames

Wir müssen uns ausklinken aus der Gleichung. Was nicht unbedingt bedeutet, auf Social Media zu verzichten. Für viele von uns sind die Plattformen durchaus wichtig für die eigene Existenz.

Wir müssen an uns selbst arbeiten. Wie validieren wir uns? Wo kommt unser Selbstwert her? Von 39.900 Views auf TikTok?

Hoffentlich nicht.

Inzwischen erreiche ich mein selbst auferlegtes Zeitlimit nicht mehr. Irgendwann hat man durchschaut, dass alles immer das Selbe ist. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich vom Algorithmus nicht mehr validiert werde? 🤔

Wir sind alle inzwischen Kreaturen des einen oder anderen Algorithmus.

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