2019-08-01 6 Minuten

Realtalk: vom Freelancer zum Unternehmer.

Eine Woche gewinnst du zwei Aufträge. Die nächste weißt du nicht, wie du deine Fixkosten begleichen sollst.

Über 4 Jahre bin ich nun schon selbständig. Und fuck, ich liebe es nach wie vor. 3 dieser Jahre war ich alleine, ein Einzelkämpfer. Seit fast einem Jahr habe ich nun eine fixe Mitarbeiterin (Hallo 👋) – und das geht einher mit komplett neuen Problemen. Probleme, die ich bisher nicht hatte.

Hier halte ich es so wie Grant Cardone, der sagt:

Wirklich schlecht ist, wenn du Tag für Tag, Jahr für Jahr die selben Probleme hast. Das heißt, dass du nicht wächst.

Und ich muss sagen, ich habe meinen fair share an Fehlern gemacht im letzten Jahr. Zum Glück keiner davon existenzgefährdend. Aber sagen wir mal so: ich weiß jetzt, wovon die Menschen reden, wenn es heißt, das Unternehmertum sei eine Achterbahnfahrt.

Gut, dass ich ein Fan von Achterbahnen bin.

Die erste Lektion (für die ich schon ein halbes Jahr brauchte, um sie zu realisieren), ist:

1 + 1 = 1,5

In meinem Kopf stellte ich mir den Wechsel vom Freelancer auf den Unternehmer in etwa so vor:

  1. Stell Mitarbeiter an
  2. Gib ihnen Projekte
  3. Profitiere möglicherweise

LOL. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt selbst extrem eingespannt war. Ich musste Projekte fertig stellen. Keine Zeit, täglich Meetings zu halten, oder Code zu kontrollieren. Geschweige denn, Leadership zu praktizieren.

Ich bin in der eigentlichen Projektentwicklung so hart im Techniker-Mindset, da vergesse ich tatsächlich aufs Projektmanagement. Ich will einfach geile Projekte auf den Boden bringen.

“Aber Martin, wie sollst du ohne Projektmanagement jemals wissen, was in deinem Unternehmen vorgeht?”

– BWL Justus

Recht hat er. Nur: In der Theorie sollten Theorie und Praxis gleich sein. In der Praxis sind sie es nicht.

Ich habe es an anderer Stelle schon geschrieben: 9 Frauen können ein Kind nicht in 1 Monat erzeugen. Nun bin ich selbst in diese Denkweise getappt. Habe den Overhead des Managements ziemlich unterschätzt.

Gut. Aufstehen, Krone richten, besser machen.

Kein Platz für die Opferrolle

Es ist ein wunderschöner Sommertag Anfang Juni, ich kriege eine E-Mail von meiner Personalverrechnung. What the fuck. Ich hatte das Urlaubsgeld überhaupt nicht am Radar. Ein wenig Panik bricht aus.

Wie mein Opa schon sagte:

Die Liquidität is a Hund.

Kennst du das, wenn du wie automatisch Auto fährst, und plötzlich realisierst, dass du dich an die letzte halbe Stunde Autofahrt nicht erinnern kannst?

So hat sich dieser Moment angefühlt. Wenn die Kosten im Juni höher sind als dein (Firmen-)Kontostand. Dass deine Steuer- und Sozialversicherungsvorauszahlungen auf Basis von Zahlen berechnet wurden, die keinerlei Bezug mehr zur Realität haben? Und dir plötzlich klar wird, dass du bestimmte Situationen vor 6 Monaten durchrechnen hättest sollen?

Shit.

Die erste natürliche Reaktion ist natürlich mal:

Die Opferrolle einnehmen.

Warum sind Mitarbeiter eigentlich in Österreich so absurd teuer? Warum zahle ich so viele Steuern? Warum ist unser Land so Unternehmerunfreundlich?

Fühlt sich gut an, zu sudern.

Nur: es hilft dir keinen Schritt weiter. Snap the fuck out of it.

Zu dieser Zeit fällt mir irgendwie ein Konzept aus einem Audiobook ein, das ich früher mal gehört habe. Es ist ein Buch von 2 Navy SEALs, einer Eliteeinheit aus dem US-Militär.

Das Konzept ist: Extreme Ownership. Ich habs damals schon geil gefunden, aber erst jetzt realisiert, was es wirklich bedeutet:

Alles, was in deinem Leben passiert, liegt zu 100% in deiner Verantwortung.

Lass dir diesen Satz noch einmal auf der Zunge zergehen.

Das ist erstmal harter Stoff, aber ultimativ der einzige Weg, jemals weiter zu kommen. Die Ausreden werden immer da sein.

Ich stellte mir also ein paar Fragen:

  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich der Staat Österreich nicht erfolgreich sehen will? 0 Prozent.
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass deine Mitarbeiter diese Situation zu verschulden haben? 0 Prozent.
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mein Problem so einzigartig ist, oder dass es gar keine Lösung gibt? 0 Prozent.

Bleibt eigentlich nur mehr genau eine Person übrig. Das genau ist doch das Unternehmertum, oder? Verantwortung tragen?

Extreme Ownership beginnt mit der Erkenntnis, dass man selbst nicht unfehlbar ist. Dass man kein Opfer irgendeines Systems ist. Das ist unglaublich hart, aber – nach einer Weile – auch irgendwie befreiend.

Es schafft die Grundlage, etwas zu verändern.

Das Aufschieben dieser Überlegungen ist by the way auch keine Lösung. Deine Probleme kommen in der einen oder anderen Weise immer wieder auf dich zu. Wenn ich es nicht schaffe, ein Web-Development Unternehmen zu skalieren, wie soll ich das jemals mit einer IT-Security Firma machen!?

Debugging

Wenn ein Programm einen schwer auffindbaren Fehler hat, greift der Programmierer von Welt zum Debugging. Es wird Schritt für Schritt nachvollzogen, was das Programm macht.

Zu welchem Zeitpunkt wird Variable X verändert? Was hat das für Einfluss auf das Ergebnis?

Genau das hab ich mit meinem Unternehmen gemacht: Debugging.

Und ich konnte meinen Augen nicht trauen:

  • Ich unterschätze fast jedes Projekt im Aufwand um 30-40%
  • Habe diese Aufwände nie nachverrechnet, oder auch nur früh genug erkannt
  • Mein effektiver Stundensatz liegt so weit unter dem Branchendurchschnitt, es ist eine Frechheit

Alle drei Dinge hätte ich subjektiv nie als Problem gesehen. Aber wenn es schwarz auf weiß vor mir liegt… woah.

Aber mir ist lieber, die Realität schlägt mir heute mit der Faust ins Gesicht, als übermorgen mit der 10fachen Kraft.

Du bist nicht einzigartig

Ich bin echt kein Fan des du-bist-so-einzigartig-Narrativs, das man als Millennial immer wieder eingeflößt kriegt. In der Opferrolle tappt man aber schnell in diese Denkweise.

Du bist nicht einzigartig. Auch deine Probleme nicht. Spätestens seit Big Data und Cambridge Analytica sollte uns das klar sein. Und das ist gut so.

Das heißt nämlich, dass du dir ansehen kannst, wie andere Personen deine Probleme gelöst haben. Irgendwo muss ja jeder angefangen haben. Du kannst als Einzelkämpfer jeden Fehler machen, oder aber du holst dir möglichst viele diverse Meinungen. Und lernst aus den Fehlern anderer.

Von Personen, die dein Problem bereits gelöst haben, oder die eine einzigartige Perspektive auf deine Situation einbringen können.

In Systemen denken

Diese Lektion passt nicht so ganz zu den anderen Beispielen – ist aber trotzdem eine ziemlich fundamentale Änderung meines Mindsets. Deshalb will ich sie auch nicht weglassen.

Die oben beschriebenen Situationen sind bereits 2 Monate her – in meiner Zeitrechnung also eine halbe Ewigkeit. Es wird sich bald zeigen, ob ich die richtigen Schritte gesetzt habe. Inzwischen sind schon wieder ganz andere Challenges aufgetaucht. Eine davon ist:

40% unserer Projekte sind immer wieder die selben Aufgaben. Das ist für einen Menschen wie mich, der selbst den Download von 10 Bildern automatisiert, inakzeptabel. Und es brennt jeden aus, der diese 40% immer wieder programmieren muss.

Eine der Personen von oben hat diesen Nugget Weisheit gesagt:

Wir als KMUs haben keine Forschung & Entwicklung, keinen 5-Jahres-Plan. Wir haben Projektarbeit. Aber was wir tun können ist: nach jedem Projekt das herausziehen, was wiederverwendbar ist.

Mind blown. 🤯

Derzeit arbeiten wir intern an einem Projekt, das uns in Zukunft genau diese 40% abnehmen wird. Damit wir uns wieder auf das konzentrieren können, was wir wollen: Geile Webseiten machen.

Die Achterbahnfahrt

Ursprünglich war dieser Artikel als oberflächlicher “5 Dinge die ich gelernt habe”-Post geplant. Aber von denen gibt es eh schon genug.

In Österreich ist man als Unternehmer immer wieder mit einer gewissen Skepsis konfrontiert. Als wäre das Unternehmertum ein Prozess mit drei Schritten: (1) Sei Unternehmer, (2) erhalte Unsummen an Geld und (3) sei einer von denen, die sichs sowieso richten wie sie wollen, und kaum Steuern zahlen.

In der Realität ist das Unternehmertum eine Achterbahnfahrt. In der einen Woche gewinnst du zwei Aufträge. In der nächsten weißt du nicht, wie du deine Fixkosten begleichen sollst. In der dritten Woche kommt die SVA, und du überlegst wieder einmal, doch einfach Baggerfahrer zu werden.

Ich würde keine Sekunde tauschen wollen.

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1 Kommentar

  1. Hallo, aus eigener Erfahrung weiß ich das es besser wird.
    bei mir hat es 5 Jahre gedauert das ich zufrieden war.
    Heute bin ich sehr froh das ich dem teuren Österreich mit 3 Mitarbeitern sehr gut leben konnte und kann.

    Danke für sehr informativen Artikel.
    Alles Gute

    fritz Buder

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