2019-06-12 5 Minuten

Wer 1, 2, 3, 4, 5 Mal unsere Daten weiter verkauft, dem glaubt man nicht.

Facebook versucht durch den Push in Richtung Privatsphäre, die eigene Verantwortung abzuwälzen.

Es ist eine Geschichte, so alt wie Facebook selbst: Der Missbrauch der Daten, die die User zur Verfügung stellen. Angefangen hat es mit Mark Zuckerberg selbst:

“They ‘trust me’. Dumb Fucks”

Egal, wie man es dreht und wendet: Es fällt schwer zu sagen, dass Facebook insgesamt Gutes bewirkt hat. Außer denen, die die Aktien besitzen (Disclaimer, da gehör ich dazu).

Ja, wir können nun 1-Mal im Jahr Menschen zum Geburtstag gratulieren, die wir seit 10 Jahren nicht mehr gesehen haben.

Ja, das Messaging (WhatsApp, Facebook Messenger) hat die Kommunikation in unserer heutigen Welt verändert.

Dem Gegenüber steht jedoch

  • Eine Instrumentalisierung in diversen Wahlkämpfen (nicht nur in den USA)
  • Die Verbreitung von Fake-News
  • Die Unterwanderung unserer Demokratien
  • Eine, ich unterstelle absichtliche, Ausnutzung menschlicher Biases und Muster, um uns möglichst viel Werbung auszuspielen und uns abhängig zu machen.
  • Diverse Datenskandale
  • Aufrufe zum Genozid

We’re sorry

Wöchentlich höre ich den genialen Podcast Pivot von einer der toughesten Tech-Journalistinnen und einem No-Bullshit-Marketing Professor. Und wöchentlich höre ich, was Facebook angesichts dieser Vorwürfe macht:

Nix.

Okay, nicht nix. Sie sagen “We’re sorry”. Wir müssen das besser machen.

Und tuns dann nicht.

Der Marketing-Professor von oben, Scott Galloway findet vernichtende Worte: Die gesamte Unternehmenskultur ist korrumpiert. Die Talente, die Facebook groß gemacht haben, verlassen das sinkende Schiff. Die Silicon-Valley Tech-Bros haben erkannt, dass sie mit verantwortlich sind.

Wie schon Spiderman gesagt hat:

Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.

Hätte Mark mal mehr Filme geschaut, anstatt die Daten von uns Dumb Fucks abzugreifen.

Wobei ich der Meinung bin, dass das Abgreifen selbst nicht das Problem ist: In Wirklichkeit haben wir uns alle ganz alleine darauf eingelassen.

Ein Problem habe ich aber mit dem Selbstverständnis, wie sich das Unternehmen selbst sieht:

Eine Frage der Verantwortung

Ich als Unternehmer habe die Sicherheit des Angestelltendaseins aufgegeben, um – möglicherweise – ein Vielfaches zu verdienen, als es mir als Angestellter möglich wäre.

Im Umkehrschluss ist mir aber auch vollkommen klar, dass ich 100% des Risikos und der Verantwortung in meinem Unternehmen trage. Und zwar für meine MitarbeiterInnen, sowie für alles, was aus meinem Unternehmen kommt.

Genau da habe ich ein Riesen Problem mit Facebook. Facebook bekommt das volle Paket: massive Verdienste, und keine Verantwortung für irgendetwas.

Wie sie das geschafft haben? Mit einem simplen Satz:

“Wir sind nur die Plattform”

Ein Argument, das aus dem Handbuch eines Waffen-Lobbyisten kommen könnte. Wir produzieren nur den Panzer, was du damit machst, ist deine Verantwortung.

Und niemandem fällt’s auf. Niemandem? Nein, ein kleines Konglomerat an Staaten wehrt sich:

EU! EU! EU!

Das ist uns hier gar nicht bewusst, aber international wird die EU als Vorreiter in Sachen Zensur und Kartellrecht gesehen. Unsere EU-Kommissarin für Wettbewerb Margrethe Vestager ist gefürchtet unter den Tech-Giganten.

Aber nicht nur in der EU werden Stimmen laut, dass Facebook nun endlich Verantwortung übernehmen soll. Das Ding ist keine Plattform mehr, es ist ein Medium.

Eines, das sich im Optimalfall auch an journalistische Standards halten sollte. Und das, wenn es in Myanmar am Markt ist, auch Personen im Team haben sollte, die die Sprache sprechen.

Du weißt schon, um auf eventuelle Aufrufe zum Genozid reagieren zu können.

Auch wenn es Facebook geschafft hat, sich inzwischen mehrere Jahre aus der Verantwortung zu ziehen: blöd sind sie natürlich nicht.

Und daher hat Mark Zuckerberg auf der diesjährigen Facebook-Konferenz F8 auch eines klargestellt:

Die Zukunft ist privat

In Zukunft soll Privatsphäre anstatt Öffentlichkeit im Zentrum des Unternehmens Facebook stehen. Heißt: Chats werden nicht mehr mitgelesen, sondern durch Ende-zu-Ende-Verschlüsselt so abgesichert, dass nicht einmal Facebook mitlesen kann.

Das ist jetzt bei WhatsApp schon so, und soll in Zukunft in anderen Produkten ebenfalls umgesetzt werden.

Wenn der Programmcode einer App nicht einsehbar ist, ist „vollständig verschlüsselt“  nur ein Label. Da wir den Soucecode von WhatsApp nicht haben, müssen wir hier Facebook vertrauen, dass sie tatsächlich verschlüsseln. Wenn du also wirklich sicher kommunizieren willst, solltest du eventuell auf eine Lösung wie Signal setzen.

Das ist an sich ein nobles Vorhaben. Wenn die Motive dahinter nicht vollkommen falsch wären.

Wir sehen es heute bereits: Die Desinformation passiert inzwischen nicht mehr über Twitter-Bots und Fake-News auf Facebook. Sie passiert im Privaten: Auf WhatsApp und anderen Messengern.

Das wird eines der großen Themen – neben der Zersetzung unserer Realität – unserer Demokratien in Zukunft.

Lustigerweise spielt das Mark Zuckerberg in die Hände:

Wenn Facebook nirgends mitlesen kann, kann es gar keine Verantwortung für die Inhalte übernehmen.

Ich unterstelle jetzt mal, dass Facebook nicht wirklich an unserer Pritvatsphäre interessiert ist (außer natürlich, um sie zu verkaufen), sondern nur eigene Business-Interessen verfolgt. Und da ist ein Push in Richtung Privatsphäre die richtige Business-Entscheidung.

Das kann jedoch nicht das Ende dieser Geschichte sein:

Plausible Deniability

Ich persönlich denke, dass diese Neuerungen aus einem einzigen Grund passieren: Um die negative Stimmung gegenüber Facebook zu drehen bzw. sich aus der Affäre zu ziehen. Im Endeffekt läuft es jedoch auf glaubwürdige Abstreitbarkeit hinaus:

“Wir haben technisch doch keine Chance gehabt, diesen Aufruf zum Genozid überhaupt zu sehen”

Das ist ja schön und gut. Klar, es wird immer Kommunikationswege geben, über die Menschen manipuliert werden können. Und es ist auch wichtig dass es Technologien wie die Verschlüsselung gibt. Anders wäre das Internet, wie wir es heute kennen, nicht denkbar.

Aber dass ein Unternehmen weiß, wie die eigene Plattform verwendet wird und es bereits dutzende Einzelfälle gab, und sich dann bewusst dafür entscheidet, weg zu schauen, das ist dreist.

Vor Allem, wenn dieses Unternehmen 2,7 Milliarden Menschen erreicht und 500 Milliarden Dollar an der Börse wert ist.

Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.

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2 Kommentare

  1. Danke, wie immer sehr interessant und informativ… ich bin meiner Tochter Regina dankbar, dass sie mich auf Ihre Artikel aufmerksam gemacht hat! 🙂

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