2018-11-15 5 Minuten

Werbung ist die Steuer, die Arme und technologisch nicht affine Menschen zahlen

Nein, dieses Zitat ist nicht von mir.

Als ich dieses Quote vom großartigen Scott Galloway gehört habe, musste ich erstmal schlucken. Klingt schon irgendwie heftig. Aber das Beispiel, das Scott dann bringt, macht dann irgendwie Sinn:

51% der Netflix-User würden 1-2 Dollar zahlen, um keine Werbung zu sehen. Nur 10% würden nicht mehr zahlen. Das war das Ergebnis einer Umfrage unter 100 Millionen Netflix Usern im Jahr 2016.

Wobei Netflix User eigentlich schon vergleichsweise wenig Werbung kriegen:

Netflix schauen spart pro Jahr 6 Tage Lebenszeit im Vergleich zu klassischem, werbefinanzierten Fernsehen.

– Scott Galloway

Hier gibt es also eine Spaltung zwischen Personen die bereit sind für Content zu zahlen, um Werbung zu vermeiden. Und Menschen, für die die Gleichung Werbung vs. Geld zu einem anderen Ergebnis kommt.

Wobei es natürlich nicht mehr nur um die klassischen Werbespots wie z.B. auf Spotify geht:

Wenn etwas gratis ist, bist du das Produkt

Diesen Spruch kann man sich nicht genug ins Hirn hämmern.

Auch die Daten, die über dich gesammelt werden, fallen für mich in das Argument von Galloway. Im Jahr 2018 ist “Werbung kriegen” ja eh schon fast gleichbedeutend mit “Auf Basis meiner Daten Anzeigen kriegen”.

Facebook hat 2017 durchschnittlich 20,21 Dollar pro User Umsatz gemacht. Bei Google sind die Schätzungen in einer ähnlichen Liga.

Eigentlich erschreckend, wie wenig unsere Daten wert sind. Den 20er im Jahr für Facebook würd ich sofort locker machen, wenn meine Daten nicht herumschwirren müssten.

Nur:

Wie viele Personen würden für so einen Dienst wie Facebook zahlen? Und, weiter gedacht: wer kann das überhaupt zahlen, wenn man dies bei jedem Dienst tun müsste?

Wer mit mehr Privacy leben will, muss die Kohle auf den Tisch legen

Man kann über die ewige Diskussion Android/Google vs. Apple sagen was man will – im Groben kommt Googles Revenue von Werbung, und der Umsatz von Apple aus Apps und Hardware.

Natürlich ist die Pro-Privacy-Einstellung von Apple auch ein Marketing-Gag. Und zwar einer, der vielleicht ein wenig zu bequem verschleiert, wie weit hinten Apple in Sachen Machine Learning und Spracherkennung (“Hier ist das Ergebnis einer Websuche zu ‘Wecker um 8 Uhr’”) tatsächlich ist.

Auf der anderen Seite muss man nur die Foto-Funktion auf Apple mit Google Photos vergleichen:

Google Photos lädt die Fotos in die Cloud hoch, um sie dort via künstlicher Intelligenz zu analysieren. Deswegen kann man in Google Photos “Pizza” eingeben und kriegt alle Fotos, auf denen eine Pizza zu sehen ist.

An sich ein geiles Feature, der Nebeneffekt ist jedoch, dass alle privaten Fotos von Google analysiert werden. Auch zu Werbewecken. Um mehr über den User zu erfahren.

Bei Apple funktioniert dieses Feature anders: die Fotos müssen das Handy nicht verlassen. Die Fotos werden also am Device selbst analysiert.

Für dieses Mehr an Privatsphäre zahlt man bei Apple einen fetten Aufpreis.

Ich werde oft gefragt, warum ich bereit bin, so viel für ein iPhone zu zahlen. Das ist der Grund.

Natürlich heißt “ich bezahle was” nicht “es werden keine Daten gesammelt”. Inzwischen bin ich aber sogar schon bereit, den Tausch Geld vs. “es werden weniger Daten gesammelt” einzugehen.

Wer werbefrei(er) leben will, muss sich auskennen

Zum Glück gibt es aber auch eine Alternative, die viel billiger kommt als ein iPhone. Der einzige Nachteil ist:

Man muss sich technisch gut auskennen.

Es gibt zum Beispiel Android-Versionen, aus denen Google komplett entfernt wurde. Um so eines zu installieren muss man nur:

  • Das Betriebssystem auf das eigene Handy “flashen”
  • In Kauf nehmen, dass das Handy durch das flashen zerstört wird. Nicht mehr verwendbar.
  • Auf diverseste Bequemlichkeiten verzichten
  • Auf Funktionen verzichten – es kann sein dass zum Beispiel die Kamera einfach nicht funktioniert

Easy stuff.

Not. Das ist ein langwieriger Prozess, der viel technisches Wissen voraussetzt.

Beim Surfen im Internet gehts dann doch ein wenig einfacher: AdBlocker und Anti-Tracking-Maßnahmen wie Ghostery sind leicht zu implementieren. Trotzdem: nur ca. 30% verwenden solche Maßnahmen überhaupt.

Wer sich hier also auskennt, führt ein ruhigeres, werbefreieres Leben.

Warten, bis unser Gehirn so weit ist

Banner Blindness ist die dritte Option. Bei Personen, die viel im Internet unterwegs sind, lernt das Gehirn, Dinge zu ignorieren, die an typischen Bannerpositionen platziert sind, oder auch nur wie Banner aussehen. Das einzige Problem mit dieser Lösung ist wohl:

Die Daten werden trotzdem gesammelt, die Werbung ist trotzdem da.

Ignorance ist ja normalerweise bliss, aber irgendwie nicht in diesem Fall.

Awareness

Wo der Spruch von Scott Galloway aber meiner Meinung nach komplett in die falsche Richtung geht ist folgender:

Es ignoriert die riesige “stille Mehrheit” komplett.

Der Großteil der Menschheit hat nicht die Zeit, sich Betriebssysteme auf Basis ihrer Auswirkungen auf die eigene Privatsphäre anzusehen. Gut so, würde ich sagen. Ansonsten würden wir als Menschheit wahrscheinlich wenig bewegen, außer flame wars.

Wär aber auch total sinnlos:

Beim Handykauf wärs dann eine Entscheidung zwischen überteuerter Hardware und der Aufgabe der eigenen Privatsphäre. Pest oder Cholera. Aber immerhin eine Entscheidung, die jeder für sich treffen kann.

Die Awareness ist auch in den Social Media ein großes Thema. Ich war selbst eine dieser Personen, die ab 2009 ohne inne zu halten 5 Stati pro Tag auf Facebook rausgehauen haben. Glücksnuss und die ganzen Datensammeleien inklusive. Inzwischen hat die Stimmung gegen Facebook ein wenig gedreht. Bei Instagram geht’s aber noch munter weiter ins Verderben.

Fazit

Ich habe das Gefühl, dass es im Moment zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft bezüglich Privacy-Bewusstsein kommt.

Der einzige Unterschied scheint zu sein:

wie viel von diesem ganzen Konstrukt einem auf den Schädel fallen wird, nicht ob. Keine schönen Aussichten.

Aber immerhin: langsam wendet sich das Blatt. Facebook, Google und Co. haben bei weitem nicht mehr die weiße Weste, die sie einmal hatten. Opinion Leader in diesem Bereich beginnen langsam, den Wahnsinn als solchen zu erkennen, und treten inzwischen auch öffentlich für starke Regulierung dieser Giganten ein.

Bis dahin müssen wir uns wohl jedes mal an der Billa-Kassa entscheiden:

Rabattsammler oder Privatsphäre?

Von Hackern, Wordpress, SEO & Co

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