2019-01-24 5 Minuten

Wie ein Fisch am Trockenen: 7 Tage ohne Macbook 💔

„Maximal 10 Tage bei der aktuellen Auftragslage“

Das klingt nach etwas mehr als die vom Telefonsupport geschÀtzten 2 Tage.

Ich frage, ob das eine Verarsche ist. Es wird mir bestÀtigt:

Nein, keine Verarsche.

Um meinen Frust zu verstehen, hier ein kleiner Einblick in mein unternehmerisches Leben:

Mein Macbook ist nicht irgendein Tool, das zur Erledigung meiner Aufgaben dient. Es ist eine ProduktivitĂ€tsmaschine, die mir erlaubt den Output zu liefern, den ich mir selbst auferlegt habe. Ein auf den perfekten Workflow getrimmtes StĂŒck Metall.

Ohne das ich nun bis zu 10 Tage auskommen soll.

Weil die Taste „B“ aufgrund schlechter Konstruktion der ach so hochgelobten Tastatur nicht mehr funktioniert.

Eine Chronik des Grauens.

Tag 0

Weil die Welt (außer vielleicht meine im Moment) nicht stillsteht, habe ich natĂŒrlich Vorkehrungen getroffen: Alles gesichert, die Abgabe (in der naiven Hoffnung, dass das Thema in 2 Tagen erledigt ist) genau so gelegt, dass ich sowieso 3 Tage fast nur Termine habe.

Sofort kommen die Angebote der (ebenfalls Apple nutzenden) BĂŒrokollegen. Aber es ist nicht das selbe. Vor Allem brauche ich hier Stunden, bis das Ding so funktioniert wie ich das haben will, nein brauche, um irgendetwas auf die Reihe zu kriegen.

10 Tage, das kann doch nicht so schlimm sein. Ich setze Ubuntu auf meinem Gaming-Rechner auf und bin erstmal begeistert: es funktioniert super, und ich kann zumindest die zeitkritischen Projekte weiterfĂŒhren.

Tag 1

Heute ist Termin-Tag. Dementsprechend easy fĂ€llt mir die Arbeit – zumindest bis 11 Uhr. Ich sitze im BĂŒro und versuche eine Domain ĂŒbers Handy zu kaufen. 45 Minuten spĂ€ter hab ich es geschafft. Der Spaß könnte schlimmer werden als erwartet.

Das mit der Smartphone-Revolution im Unternehmenskontext lÀsst wohl auch noch auf sich warten, die User Experience ist unter aller Sau.

Immerhin: MitgefĂŒhl ĂŒberall, wo ich mein Leiden schildere. Aus einem kurzen Lunch wird ein ausgedehntes Lunch. Weil ich nicht nach einer Stunde bereits wieder am Coden sein kann. Auch irgendwie schön.

Tag 2

Es ist Donnerstag, ein Blogartikel ist zu schreiben. Nach 1 Stunde sinnlosem Surfen und der Erkenntnis, wie wichtig die Location in (m)einem kreativen Prozess ist, gehts dann doch.

Funktioniert auch ganz gut mit Ubuntu, nur: jede scheiß Tastenkombination ist anders. Wie oft ich mich ausgeloggt habe, weil ich ein “@“ schreiben wollte, schlimm.

Symbolbild: ich versuche ein „@“ zu schreiben.

 

Und weil sowieso nix geht, gönne ich mir einen gesamten(!) Nachmittag Freizeit.

Tag 3

Beim ersten Termin des Tages wollte ich schon unhöflich am Handy mitschreiben, mir wird dann Block und Stift angeboten.

Ich beneide niemanden, der diese Mitschrift lesen muss.

Oh shit, das muss ich selbst.

Wie muss das bei den heutigen Kindern sein? Wie vergleichen sich da die AnschlĂ€ge pro Minute mit ihrer analogen Handschrift oder der international anerkannten Kennzahl „Selfies pro Minute“? Egal, ich bin nicht in der Situation zu urteilen, wenn ich mir meine Handschrift ansehe.

Der Rest des Tages verlÀuft eigentlich entspannt.

Nur eines ist merklich:

In meinem Hinterkopf lauert inzwischen ein nicht definierbares GefĂŒhl, das mit den liegengebliebenen Mails zu tun hat.

Tag 4

Es it Wochenende. Das heißt: endlich Programmieren. Ungestört von E-Mails (die ich sowieso nicht wirklich abarbeiten kann) schaffe ich 6h im Flow. Nicht schlecht, dafĂŒr dass ich immer noch ausgeloggt werde, wenn ich ein “@“ schreiben will.

Wie sind TastenkĂŒrzel eigentlich im Gehirn abgelegt? Ist das reine Muscle Memory? Einmal umlernen bitte, ich möchte wieder “@“ schreiben können. Danke.

Tag 5

Seit mehreren Tagen stelle ich mir die wait-or-make-Frage: Ein paar Aufgaben auf meiner Todo-Liste benötigen spezialisierte Software, die erstmal zum Laufen gebracht werden muss. Das dauert aber sicher 4 Stunden oder mehr.

Preisfrage:

Haue ich jetzt rein und konfiguriere alles oder warte ich? Ich entscheide mich fĂŒrs Warten. Laut Murphys Law wĂ€r mein Laptop zu 100 % am nĂ€chsten Tag fertig.

Die verlorenen Sekunden bei jedem @-Symbol macht mein Gaming-Rechner mit reiner Rechenleistung wieder gut: diverse Software lÀuft einfach schneller. So kann ich die versehentlichen Logouts sogar verkraften.

Exkurs: Philosophie

Ab Tag 5 schießen mir laufend existenzielle Fragen durch den Kopf. Ich hinterfrage mein VerhĂ€ltnis zur Marke Apple. Ich denke ĂŒber Effizienz nach, darĂŒber dass Handy und Laptop inzwischen der Weg sind, wie wir unsere RealitĂ€t verĂ€ndern. Dass mir so ein Ding ermöglicht, tausende Personen zu erreichen. Arg.

Tag 6

Ich verbringe den ganzen Tag in der Therme. Und das an einem Montag. Da traue ich mir schon Einiges. Ganz ohne Besuche zum im Spind liegenden Handy gehts dann doch nicht.

Auch wenn ich selbst nicht reagieren könnte: ich wĂŒrd gerne wissen, ob noch alles steht. Auch ein kleiner Bugfix auf einer Webseite wĂ€hrend einer Bim-Fahrt am Handy gehört dazu.

Prinzipiell sortiere ich meine E-Mails so gewissenhaft, dass ich nie mehr als 3-5 markierte (sprich: Aktion von mir nötig) Mails habe. Die Zahl steht im Moment bei 15 und hat sich in meinem Unterbewusstsein festgesetzt.

Das Schlimme an einer solchen, eher amorphen, Masse an Aufgaben ist: sie sehen meist nach viel mehr aus, als sie eigentlich sind. Das beruhigt mich aber wenig.

Tag 7

Um 09:40 erreicht mich der Anruf: Es ist da đŸ˜±. Aufgrund der Tastatur musste quasi alles ausgetauscht werden: neuer Akku, neues Touchpad, generell – neuer Korpus.

Ein wenig Overkill (denk doch mal einer an die Umwelt!), aber immerhin eine kleine EntschĂ€digung fĂŒr 7 Tage ohne mein erweitertes Gehirn.

Fazit

Wer sich jetzt irgendeine Moral erhofft hat, wird enttĂ€uscht sein. Ich war insgesamt einfach nur etwas unrund in dieser Zeit. Ja, ich habe es genossen, mal wieder mehr Zeit fĂŒr persönliche GesprĂ€che zu haben. Aber im Hinterkopf war immer dieses ungute GefĂŒhl sich aufschaukelnder Workload.

Obwohl:

Ein paar Sachen habe ich schon gelernt. Zum Beispiel den Begriff “ready at hand” des deutschen Philosophen Heidegger. Das bedeutet in etwa, dass ich mein Macbook nicht als das betrachte, was es ist (ein Haufen ĂŒberteuertes Metall und seltene Erden, mit einer nicht funktionierenden Taste B), sondern als das, was ich damit erreichen kann und will.

Und das ist ein erschreckend großer Teil meiner Existenz. Ich definiere mich nicht wenig ĂŒber meine ProduktivitĂ€t, mein Unternehmen, meine Arbeit. Und eng damit verflochten ist natĂŒrlich das Werkzeug, mit dem ich diese Arbeit leiste.

Dann macht es eigentlich wieder Sinn, warum mir diese FUCKING TASTE B oder DIESE SCHEISS VERSEHENTLICHEN LOGOUTS so auf den 
Nerv gehen.

Aber jetzt sind wir ja wieder vereint ❀

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