2018-12-20 5 Minuten

Wir sind echt nicht vorbereitet auf die heutige Welt.

Ich war in meinem Leben bis jetzt ein Mal im Casino. Was mich dort am meisten beeindruckt hat? Eine Person, die an einer Slotmaschine gesessen hat. Stundenlang. Während das für mich und meine Kollegen die Chance war, ein mittelmäßiges Mittagessen mit einem mittelmäßigen Getränk abzustauben, sitzt diese Person einfach da. Unironisch. Und drückt immer wieder … Continued

Ich war in meinem Leben bis jetzt ein Mal im Casino. Was mich dort am meisten beeindruckt hat? Eine Person, die an einer Slotmaschine gesessen hat. Stundenlang. Während das für mich und meine Kollegen die Chance war, ein mittelmäßiges Mittagessen mit einem mittelmäßigen Getränk abzustauben, sitzt diese Person einfach da. Unironisch.

Und drückt immer wieder auf den selben Knopf.

Ich weiß nicht warum, aber dieser Moment geht mir seit inzwischen zwei Jahren nicht mehr aus dem Kopf.

Vor Allem, weil es inzwischen in der U-Bahn nichts anderes mehr ist. Fast eine halbe Million Euro täglichen Umsatz hat Candy Crush 2013 gemacht. Aus meiner Sicht eine glorifizierte Slotmaschine.

Wir sind inzwischen so abhängig von unseren Smartphones, dass die Hersteller nun schon halbherzige “Digital Health”-Funktionen implementieren. Damit wir wenigstens wissen, wie viel Zeit wir sinnlos auf Instagram und diversen Games verbringen.

War for Attention

Es ist keine zwei Jahre her, war ich ein glühender Fan von Social Media. Offener Diskurs, Interaktion mit einer Community, zum ersten Mal Kommunikation, die tatsächlich dem Konsumenten auf Augenhöhe begegnen kann.

Was diese etwas naive Sicht vollkommen ignoriert:

Kein soziales Medium hat Interesse an einem offenen Diskurs.

Genau so wie Candy Crush kein Interesse hat, dass die Fans nicht zu oft spielen.

Vor Längerem habe ich einen Artikel gelesen, der für mich viele Punkte endlich zusammengeführt hat. Langzeit-Abonnenten meines (damals noch) Newsletters werden sich vielleicht sogar erinnern.

Nur ein kurzes Zitat:

“Die einzigen anderen Leute, die ihre Kunden “User” nennen, sind Drogendealer.

Das Problem damit:

Es geht nur mehr indirekt ums Geld

Wenn ich im stationären Handel stehe, um ein neues Handy zu kaufen, dann verstehe ich den Tausch. Es kommen ein paar Faktoren zusammen:

  • mein Budget
  • meine Bereitschaft zu Kaufen bzw. meine generelle Situation
  • der Verkaufs-Skill meines Gegenübers
  • die Ware

Das ist eine Transaktion, die versteht unser Gehirn. Gerade noch so.

In unserer Online-Welt hat sich die Gleichung aber ein wenig verkompliziert. Hier geht es nicht um eine Transaktion, sondern um den Customer Lifetime Value, also wie viel der Konsument über seine “Lebenszeit” an Umsatz generieren kann.

Werfen wir dann noch Algorithmen, Benachrichtigungen und generell psychologische Tricks darauf, finden wir uns heute in folgender Situation:

  • Mit psychologischen Tricks wird die Kaufbereitschaft erhöht (“Oh nein! Du hast kein Leben mehr um Bubble Witch 47 weiterzuspielen. Möchtest du nicht Goldbarren kaufen?”)
  • Die Goldbarren entkoppeln das Ausgeben von Geld (Kauf eines Lebens) von der eigentlichen Währung. So steigt die Bereitschaft, zu kaufen.
  • Die Animationen, Sounds und generelle Aufmachung soll immer wieder für Dopamin-Ausstöße sorgen
  • Schafft man ein Level wirklich nicht, wird es mit der Zeit einfacher. Weil wir wollen doch nicht, dass der Spieler ganz aufhört, oder?

Noch brisanter wird es bei unseren (allseits nicht mehr ganz so beliebten) Tech-Riesen. All diese als “für den Fortschritt” getarnten Projekte zielen insgesamt nur darauf ab, mehr Zeit im Leben von Personen in Anspruch nehmen zu können. Funktionieren tut dies auf mehrere Arten.

Man könnte zum Beispiel mehr Menschen erzeugen, oder das Leben der Menschen verlängern (Google forscht an der Abschaffung des Todes). Man könnte mehr Menschen Zugang zum eigenen Produkt geben (deswegen baut Facebook das Internet in Schwellenländern aus), oder man gibt den Usern mehr Freizeit (z.B. um im selbstfahrenden Auto zu pendeln, und dabei Werbung zu erhalten).

Wir haben keine Chance

Wenn man dann noch politische Interessen in den Mixer gibt, und beachtet, dass Wut und Angst die Emotionen sind, die am meisten Shares und Interaktionen in den sozialen Medien generieren, kann man eigentlich nur zum Schluss kommen:

Wir sind vollkommen unvorbereitet auf die heutige Welt. Wir sind überfordert mit der Informationsflut, wir haben keine Chance, alle Interessen im Hintergrund zu kennen. Uns interessiert es auch nicht.

Und: wir sind physisch / evolutionär so getrimmt, dass wir immer wieder auf den schnellen Dopaminschub anspringen. Wir wollen Instant Gratification. Wie eine Ratte im Käfig.

Wir kriegen tagtäglich die schlimmsten Ereignisse der Welt mit. Und unser Gehirn analysiert sie so, als würden sie direkt nebenan stattfinden.

Das sind jetzt harte Worte (und es betrifft auch die jüngeren Generationen), aber man muss sich nur eines der vielen populärwissenschaftlichen Bücher durchlesen (oder eine Infografik mit dem Titel “28 Biases, von denen du nicht wusstest, dass du sie hast. Nr. 8 wird dich fertig machen!”) um zu realisieren, wie die Big Tech Unternehmen unsere Aufmerksamkeit und Biases verwenden, um damit Geld zu machen.

Aber alles ist nicht verloren:

Wir haben eine Chance?

Während sich die Stimmung bei Opinion-Leadern wie dem großartigen Scott Galloway immer weiter gegen die Tech-Riesen dreht, macht sich schön langsam auch bei uns Usern ein Gefühl breit, dass irgendwas nicht stimmt.

Es häufen sich die Geschichten, dass Personen ihre Facebook-Accounts löschen, und damit glücklicher sind als vorher. Weil eh nix fehlt (Außer die Nutzerdaten, die von Facebook geleakt, gehackt, oder bereitwillig geteilt wurden)

Es gibt immer mehr Smartphone-Zombies, die ihren Weg zurück ins Leben finden:

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Ich für meinen Teil werde versuchen, zumindest über die Feiertage das Handy in der Hosentasche zu lassen. Auch irgendwie eine Form der Besinnlichkeit dann.

PS: Während der Entstehung dieses Artikels ist die “B”-Taste an meinem Laptop kaputt gegangen (Danke für nix, Apple!). Solltest du ein fehlendes B finden, kannst du mir gerne in den Kommentaren eines spenden.

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8 Kommentare

  1. Super auf den Punkt gebracht, Martin. Ich warte schon darauf, dass im Februar „Digital Minimalism“ von Cal Newport erscheint, der geht in eine ähnliche Richtung.

    Mir hat vor Kurzem eine gute Freundin zu denken gegeben, die ihr Smartphone zur Reparatur einschicken musste und wochenlang nur ein nicht smartes Handy hatte. Sie meinte, da fällt einem erst auf, wie süchtig WhatsApp und Instagram machen. Bei mir ist es halt Reddit, da geht einfach extrem viel Lebenszeit drauf.

  2. grüße vom „stillen örtchen“ 🙂
    hast du mal nachgefragt wie viele deiner artikel eigentlich am klo gelesen werden?
    das erinnert mich an einen bekannten der meinte: „ich kann am klo gar nimma s…..n ohne handy…“
    in diesem sinne, thanks for your articles und „frohe weihnachten“ 🙂
    lg, verena

  3. Kein fehlendes b, aber ein fehlendes r: Dogendealer.

    Cooler Artikel. (Hätte viel dazu zu sagen, aber keine Zeit, weil ich noch Candy Crush Level 548 schlagen muss… ich schätze, ich komm später noch mal her und gib meine 2 Cents dazu. Oder so.)

    LG

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